Woche 7 | Teil 2 | Dem Wal wird ein Hut angenäht

Fahrtag

Der Tag startet philosophisch. Wir haben bisher nur zweilagiges Klopapier gefunden und in öffentlichen WCs gibt es nur einlagiges. Unserer Meinung nach sollte es ja mindestens dreilagig sein. Die letzten beiden Rollen Klopapier aus Deutschland werden auch für schlechte Zeiten aufgehoben. Am Ende wird der Kapitalismus an sich in Frage gestellt, was bringen dir die Millionen wenn du dir am Ende den Popo mit zweilagigem Klopapier abwischt. #FirstWorldProblems

Die zweite Frage des Morgens ist, wie haben unsere Vorfahren das eigentlich gemacht. Als die in der Steinzeit, nicht die Römer mit ihrem geteiltem Xylospongium. Die Menschen damals waren ja auch noch viel mehr in Bewegung und ein unsauberer Popo stört da vermutlich. Wir sind bei drei Theorien rausgekommen:

  1. Durch die überwiegend pflanzliche Ernährung war der Stuhl viel fester und es gab kaum was zu wischen.
  2. Es war ein Problem, aber der Mensch hat sich trotzdem durchgesetzt.
  3. Es wurden Naturmaterialen benutzt, also Blätter, Wasser etc. Das wird sich ohne Zeitmaschine wohl nie klären, aber man kann ja mal drüber philosophieren.

Nach diesem entspannten Start fahren wir los und wechseln uns dabei ab. Die Fahrt verläuft unauffällig, wir sehen eine Horde Rehe am Straßenrand und sind auf gewohnt kaputten Straßen auf dem Weg nach New Brunswick unterwegs, unserer dritten Provinz in Kanada. Wir haben uns einen See mit mehreren Stellplatz-Möglichkeiten ausgesucht und zum ersten mal steht ein anderer Camper am Platz. Wir fahren zum nächsten Stellplatz auf der anderen Seite. Kurz bevor wir halten fliegt eine Hummel durchs offene Fenster, man merkt es wird Frühling. Leider verirrt diese sich in Brettis Hosenbein und sticht zu. Bretti ist immerhin gerade nicht am Fahren, aber absolut unnötig für alle beteiligten. Die Hummel schafft es immerhin wieder aus dem Hosenbein raus und wird von Bretti aus dem Auto geleitet. Wir hoffen sie übersteht diesen Schock. Bretti kühlt erstmal den Stich, der wird schon abheilen.

Wir haben soweit einen entspannten Abend, leider geht unser Inverter noch kaputt. Ein Inverter ist ein Gerät, welcher die Energie der Autobatterie so umwandelt, dass sie wie eine Steckdose zuhause funktioniert. Viel läuft heutzutage über USB, aber für unser Küchenrührgerät brauchen wir die 230V aus der Steckdose. Auch die Laptops haben wir bisher darüber geladen. Der Inverter war schon etwas älter, aber hat eigentlich nichts auszustehen. In Nordamerika haben sie andere Steckdosen, mit einer anderen Spannung als in Europa, hoffentlich finden wir einen guten Ersatz.

Sicht auf den See

Der Platz am See sieht ruhig und entspannt aus, aber in der Nähe scheint es Schienen zu geben. Regelmäßig fährt ein Zug, der auch fleißig hupt. Bis 7:00 Uhr morgens ist es aber ruhig und wir schlafen entspannt.

Ölwechsel

Am nächsten Morgen stellen wir fest, dass wir ein Fenster offen stehen gelassen haben. Abends hatten wir wieder muckelige 30°C im Auto, soll ja keiner frieren. Auch mit offenem Fenster ist es morgens angenehm mit ca. 15°C im Auto, kaum vorstellbar, dass wir vor kurzem noch im Schnee waren.

Es ist für den ganzen Tag Regen angesagt, was aber nicht weiter stört. Wir wollen heute in Moncton schauen, ob jemand unsere alte Kardanwelle repariert und eine Werkstatt für einen Ölwechsel suchen. Zuerst geht es zum Kardanwellen-Spezialisten, Reparatur wird mindestens 500C$ kosten, dann ist die wie neu. Die neue hat aber nicht mal 500C$ gekostet und wir wissen mittlerweile, dass sie nicht als Ersatz für die anderen Beiden passt. Wir entscheiden uns gegen die Reparatur und setzen drauf im Zweifelsfall wieder schnell Ersatz zu bekommen.

Gegenüber ist direkt eine Oldtimer Werkstatt, diese hat leider keine Zeit für uns. Auch die abtelefonierten Kollegen sind bis Juni ausgebucht. Wie immer hier in Kanada ist der Mitarbeiter übertrieben hilfsbereit und gibt uns noch zwei Adressen mit, wo wir es probieren können. Bei der ersten kommen direkt Leute raus, um sich das Auto anzuschauen. Da wissen wir noch nicht, dass das die Mechaniker der Werkstatt in ihrer Mittagspause sind. Der Chef meint erst, er habe keine Zeit, aber einer der Mechaniker meint, ein Kunde habe abgesagt und somit können wir direkt zur Halle fahren.

Wir werfen unsere Öl-Vorräte und die der Werkstatt zusammen, um auf die nötige Menge von 5,5l zu kommen. Den Ölfilter haben wir dabei und zusätzlich soll noch die Ölwanne eine neue Dichtung bekommen. Wir haben schon seit einigen Kilometern zu niedrigen Öldruck, was auf ein Problem im Motor hindeutet. Dafür muss aber das Motoröl raus und entsprechend sind wir etwas besorgt, was sich nun zeigen wird.

So eine Hebebühne brauche ich auch zuhause

Entsprechend der Erwartung sind wir wenig überrascht, dass sich Metallspäne in der Ölwanne befinden. Das scheinen Teile der Kurbelwellen-Pleuellager zu sein, zumindest meint das der Mechaniker. Man sieht auch leichte Abriebspuren an zwei Lagern, die wir uns anschauen. Auch wenn es schon Abrieb gibt, sieht alles sonst noch ganz gut aus, muss man zeitnah angehen, aber der Motor geht nicht sofort kaputt, wenn man noch etwas fährt. Das sehen vermutlich andere Leute anders, aber wir verlassen uns erstmal auf die Mechaniker hier.

Auch wenn die Späne nicht gerade super sind, haben wir eine gute Zeit in der Werkstatt und unterhalten uns mit verschiedenen Mechanikern über alles mögliche. Wenn die Mitarbeiter unter sich sprechen, wechseln sie fließend zwischen Englisch und Französisch. Das nennt sich Franglais, darüber hat Bretti im Studium auch mal eine Hausarbeit geschrieben(vor 12 Jahren) und freut sich sehr, das nun zu hören. Einer von den Mechanikern beschreibt es wie folgt: “Wir suchen uns aus beiden Sprachen das einfachste und mischen dann alles”. Sie meinen auch, dass sie die Reparatur machen würden, man bräuchte bloß erstmal die Teile. Der Chef meint dann noch, sie hätten erst ab dem 25. Mai wieder Zeit. Das ist doch etwas lang bzw. wir müssen eh erstmal schauen wie es weiter geht. Sie schreiben uns noch auf, welche Teile wir benötigen. Das ist für mich wichtig, damit ich die genauen englischen Begriffe habe, nach denen ich suchen muss. Als wir wieder losfahren, kommen wieder alle raus und schauen. Wir waren hier das Highlight seit sicher einem Jahr meinten sie, spannender als der Audi R8. Wir sind jetzt wieder 300€ ärmer, eine Arbeitsstunde kostet ca. 130€ und fahren durch den Berufsverkehr Richtung des heutigen Stellplatzes.

Apfelkuchen wie Zuhause

Unser nächstes Ziel ist eine deutsche Bäckerei. Hier nehmen wir eine Brezel, Käsekuchen und ein Stück Apfelkuchen mit. Es gab auch sehr viel Brot, aber Graubrot oder Schwarzbrot gibt es auch hier nicht. Das Thema mit dem Motor lässt uns nicht los, also beschließen wir im selben Ort zu bleiben und an die Bay of Fundy zu fahren. Hier gibt es erstmal den Kuchen und die Brezel, wir hatten bisher nur gefrühstückt. Der Käsekuchen ist ok, der Apfelkuchen dafür ein Traum und wie ein Stückchen Heimat. Wer hätte das bei Apfelkuchen gedacht. Wir beschließen morgen direkt wieder dort vorbei zu fahren.

Da jetzt erstmal Wochenende ist, haben wir genug Zeit unsere Möglichkeiten durchzugehen. Vor Montag packt uns eh keiner ein Paket zusammen. Grundsätzlich müssen wir erstmal schauen wo wir die nötigen Teile herbekommen und wie lange das Liefern dauert. In Deutschland können wir die auf jeden Fall bestellen, Lieferung dauert dafür lange und ist teuer. Es gibt in den USA einige Volvoshops, das hatte ich vorher schon recherchiert, mal sehen ob die alle Teile haben. Es gibt in Kanada auch Bootsmotoren, die auf dem gleichen Motortyp aufgebaut sind, wir checken also auch Bootzubehörshops.

Mir ist beim Schreiben etwas schleierhaft wie ich die Ruhe dazu hatte, aber ich nutze den Abend noch, um ein Loch in meinen Handschuhen zu nähen und einem unserer “Haustiere” einen Hut zu verpassen.

Den Hut haben wir beim Müllsammeln gefunden. Sieht super aus.

Außerdem wird noch der neue LED-Blinker hinten links eingebaut. Bretti versorgt euch derweil mit einem neuen Instagram-Post. Da der April nun durch ist, ist es Zeit für unsere monatliche Kostenabrechnung. Bretti trägt noch alle offenen Beträge ein, Ergebnis: 1400€ über unserem angedachten Budget. Das ist leider wenig überraschend dank der Fährfahrten nach Newfoundland, dem Jahrespass für die Nationalparks und der neuen Kardanwelle. Wir beantragen wohl eine Budget-Erhöhung. 😀 Danach machen wir noch einen kleinen Spaziergang, bei mir wie so oft Migräneprävention.

Blick auf Hillsborough
Die alten Silos sind eins der Highlights des Ortes

Fundy Nationalpark

Heute wird es sonnig und wir frühstücken bei offenem Fenster. Außerdem erwischen wir die erste Mücke. Gut, dass wir vor fast alle Fenster auch Mückennetze machen können.

Frühstück bei offenem Fenster

Nach dem Frühstück fahren wir nochmal zur deutschen Bäckerei, in der Hoffnung noch ein Stück von dem leckeren Apfelkuchen und zwei Brezeln als Proviant für unsere heutigen Wanderungen abzustauben. Leider ist der Apfelkuchen aus, Laugenbrezeln bekommen wir aber. Vor dem Laden werden wir von Kanadiern angesprochen. Sie hätten unser Auto nun schon häufiger bei Facebook gesehen. Das artet ja schon zu einer kleinen Berühmtheit aus… Wir witzeln, dass es bald mehr Fotos von unserem Auto auf Facebook gibt als unsere eigenen, die wir so machen. Ein bisschen gestalkt fühlen wir uns allerdings auch. 😀

Dann geht es zu unserem ersten Wanderstopp, Hopewell Rocks. Dort sind wir kurz erschlagen, von dem riesigen Parkplatz und der Infrastruktur für Besucher*innen. Im Sommer scheint hier richtig viel los zu sein. Es gibt dann sogar ein kleines Shuttle zum Aussichtspunkt. Zum Glück ist der Park jetzt noch “geschlossen” und der Andrang hält sich in Grenzen. Ein ehemaliger Parkmitarbeiter, der uns auf dem kleineren Parkplatz vor dem Park anspricht, versichert uns, dass wir auf jeden Fall reingehen können. So ganz die Logik, wann die Saison hier beginnt und warum Teile der Parkplätze geschlossen sind und andere nicht, verstehen wir immer noch nicht, zumal das Wetter nun echt gut ist.

Felsformationen Hopewell Rocks

Wir sehen hier schicke Felsformationen und mit dem Fernglas erspäht Bretti sogar Delfine. Die Freude darüber teilt sie auch gleich mit anderen Touris, die hinter uns stehen und sich als Deutsche heraustellen, aus Hamburg und Hildesheim. Die ersten deutschen Touris, die wir treffen. Unsere Gefühle schwanken zwischen “Och nö, jetzt geht die Touri-Saison los” und “Na gut, wir sind ja selber Touris”. Außerdem heißt das auch, dass mehr geöffnet sein wird.

Im Dickson Brook gibt es sehr seltene Farne, die unter Wasser wachsen.
Suchspiel: Wer findet Chris?

Als nächstes fahren wir zum Dickson Brook. Uns erwartet eine kurze, aber sehr schöne Wanderung mit einem wunderschönen Flusslauf und Wasserfall und guten Erklärungen, 10 von 10. Der Straße vom Dickson Brook folgend sollte es eigentlich zum nächsten Startpunkt fahren, jedoch ist die Straße in der Off-Season gesperrt. Anstatt also dort zu parken, wo wir unsere Runde drehen wollten, laufen wir von einer anderen Stelle den Coastal Trail dorthin und wieder zurück. Der Trail verspricht mehr Küste als er bietet. Die meiste Zeit laufen wir durch einen schönen ziemlich steilen Wald, der uns am Ende dann zu einer Wiese mit Ausblick aufs Meer führt. Hier genießen wir unsere Laugenbrezeln bevor wir uns auf den Rückweg machen begleitet vom Keckern der Eichhörnchen. So eine Wanderung ohne durch tiefen Schnee zu stapfen ist auch mal ganz schön.

Wander-Bretti in the woods
Brezelpause mit Blick auf die Bay of Fundy

Gegen 18 Uhr kommen wir wieder beim Auto an und fahren zu unserem Platz für die Nacht neben einer Wiese an der Bucht (eine Salzwiese?). Da mich die schräg abgefahrenen Reifen nicht in Ruhe lassen, versuche ich noch die Spur besser einzustellen, während Bretti schon mal anfängt zu kochen. Mit etwas Liebe und Öl wird der Mechanismus beweglich und wir stellen die Räder etwas weiter nach außen (weniger Vorspur). Die Annahme ist, dass die Reifen seitlich abgefahren werden, weil sie quasi nach innen gestellt sind, was wir nun hoffentlich zurückgestellt haben. Wir beobachten das weiter. Das Online Volvo-Forum hatte auch noch kaputte Radlager als Ursache angemerkt, diese scheinen aber in Ordnung zu sein (# Wackeltest). Wir beenden den Abend noch mit einem kleinen Spaziergang zum Strand.

Flussdurchfahrten sind in New Brunswick wohl verboten, deshalb parken wir davor. Die Spuren sind nicht von uns. Wirklich. Gereizt hätte es uns aber schon ein bisschen.
Regenpause nutzen bei Ebbe und ein bisschen Sonnenuntergang.

Schwedisches Elch-TV in Kanada

Das Geräusch der Regentropfen auf dem Dach verbreitet am nächsten Morgen Gemütlichkeit. Wir sind mittags zu einem Videocall mit Lutz verabredet, der uns im September besuchen will und haben nach dem Frühstück noch Zeit zu entspannen. Ich bin in meinem Newsfeed auf einen schwedischen Elch-Livestream gestoßen und den schauen wir uns eine Weile an. Elche sehen wir nicht, dafür ein paar Caribous, deren Fell im Gegensatz zu denen, die wir auf Neufundland gesehen haben schon recht braun ist.

Nach dem Call machen wir uns auf den Weg zu einer natürlichen Quelle, um Wasser aufzufüllen. Der Wasserdruck ist sehr gering und es dauert recht lange. Das Wasser ist auch nicht 100% frei von pflanzlichen Partikeln, aber dafür haben wir ja unsere Filter. Besser als gechlortes Wasser schmeckt es allemal. Ein Vogel gibt uns mit seinem Pfeifen Tribute von Panem Vibes. Was für ein Vogel das wohl war?

Der Platz sieht irgendwie auch schön urig aus, insbesondere mit dem leichten Regen dazu.

Dann geht es weiter durch den Regen und Wind. Ziel ist ein Platz an der Labrador Bay in 100 km Entfernung nicht weit von Shediac entfernt, denn morgen wollen wir dort unser Glück bei ein paar Teilehändlern versuchen.

An einem Hafen an der Labrador Bay. Das Foto ist schon vom nächsten Morgen. Am Abend davor war es super windig und hat richtig viel geregnet.

Comments

5 responses to “Woche 7 | Teil 2 | Dem Wal wird ein Hut angenäht”

  1. Die Lapp-Geschwister (eure größten Fans) Avatar
    Die Lapp-Geschwister (eure größten Fans)

    Gute Besserung für Brettis Hummelstich und Chris’ Migräne ♥️. Zur Genesung empfehlen wir die App “Merlin Bird ID”, auch um das Rätsel um den Tribute von Panem Vogel zu lösen. Wir benutzen die gerade voll viel und finden sie super!

    1. Chris Avatar
      Chris

      Hummelstich ist verheilt. Bretti hat die App geladen und ist jetzt abhängig 😁 funktioniert gut mit der Stimmenerkennung

  2. Andy Avatar
    Andy

    🤞Halt durch Motor 🤞

    Mega schöne Bilder

  3. Tjark Avatar
    Tjark

    Danke für die ganzen Updates. Hoffe ihr findet die passenden Teile.

    1. Chris Avatar
      Chris

      Immer gerne uns macht das auch richtig Spaß. Updates zu den Teilen gibt es morgen im nächsten Teil 😉

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