Auf dem Weg nach Calgary
Wir frühstücken hier wieder nett unter den Bäumen, aber so richtig gute Stimmung kommt nicht auf. Nicht mal baden waren wir hier. Die Brötchen schmecken auch nicht so dolle. Wir brauchen wohl mal wieder ein paar Tage Pause. Wir kennen diese Stimmung schon von unseren anderen langen Reisen und eigentlich wollen wir auch regelmäßige Pausentage machen. Naja, das hat diesen Monat nicht so geklappt. Das ist nach der langen Zwangspause nicht so überraschend, aber nun muss hier mal wieder etwas Reisealltag aufkommen.

Der Plan ist erstmal zügig nach Calgary, der nächsten großen Stadt zu fahren und dort unser Paket-Chaos endlich zu regeln. Entsprechend brechen wir zeitnah auf und folgen den endlosen Dirtroads durch die Kulturlandschaft. Wir sehen richtig viele Antilopen, so langsam würden wir uns aber auch mal wieder über Bäume freuen. Diese tauchen im Laufe des Tages und im Grenzgebiet zur Provinz Alberta dann auch auf. Es zeigen sich richtige Wälder und die Dirtroad schlängelt sich steil einen Berg hoch. Oben hat man eine weite Sicht über das sonst flache Land. Wir sind uns nicht 100-prozentig sicher, ob wir hier langfahren dürfen, aber zurück fahren wollen wir den ganzen Weg auch nicht. An einem Feld steht ein Schild: “No Trespassing” also “Betreten verboten” soweit so normal. Das Zusatzschild: “Are you bullet prove or just stupid?” ist dann schon weniger normal. Wir fühlen uns entsprechend sehr wohl hier und fahren zügig weiter.

Alberta unterscheidet sich erstmal kaum von Saskatchewan, die Bäume vom Anfang weichen bald wieder endlosen Feldern. Im Gegensatz zum Rest von Kanada stehen hier recht viele Windkraftanlagen. Das flache Land der Great Plains wirkt eigentlich perfekt für die Anlagen, aber die Öllobby ist hier sicher auch sehr stark.
Nach 9 Tagen durchs Hinterland geht es heute wieder auf den Highway 1, den Trans Canada Highway. Der Highway ist hier auch nicht sehr befahren, das macht den Weg nach Medicine Hat sehr entspannt. Angekommen werden die Vorräte aufgefüllt und wir checken Staples und UPS als mögliche Paket Zielorte aus. Zu Staples kann man keine Pakete direkt schicken, aber der Mitarbeiter im UPS-Store sagt, das sei bei allen Stores möglich und ganz einfach. Das macht uns Hoffnung für Calgary. Wir stoppen noch bei Tim Hortons und dann geht es weiter. Wir haben entschieden, direkt bis Calgary zu fahren, das sind fast 450 km, für uns ganz schön weit, aber sonst ist wieder Wochenende und dann bekommen wir sicher nichts geregelt.
Wie überall in Kanada sehen wir immer wieder sehr lange Güterzüge. Die Schiene scheint für Logistik sehr wichtig zu sein. Bietet sich bei der Größe des Landes vermutlich auch an. Hier haben viele Industrieanlagen direkt einen Bahnanschluss. Das geht von den großen Minen bis zu den Getreidesilos in den kleinen Dörfern, bzw. zwischen Feldern. Aber auch hier wird zurück gebaut. Man sieht häufig stillgelegte Silos und Bahnanlagen. Im starken Kontrast zu den modernen Windkraftanlagen und Zügen sehen wir parallel zum Highway zwei Cowboys, die eine Herde Rinder treiben. Klassisch mit Cowboyhut, Lasso und Pferd. Wir hätten gedacht, dass diese schon lange durch Quads ersetzt worden sind.
Die Fahrt vergeht viel schneller als gedacht und wir holen uns zum Abendessen noch Pizza bei Dominos. Leider ist diese nicht so gut wie zuhause. Wir übernachten heute am Rand von Calgary an einem Park. Der Park ist ab 23:00 Uhr geschlossen, ob man danach hier noch parken darf, wissen wir nicht, aber wir riskieren es und haben eine ruhige Nacht.
An der Bilder Anzahl erkennt man, war nicht so unser Tag.
Orga Tag
Heute soll viel erledigt werden, also sind wir recht früh unterwegs. Brettis Wanderschuhe sollen zum Schuster, wir wollen zur Post und es werden einige Werkstätten abgeklappert, in der Hoffnung, dass eine unsere Vergaser richtig einstellt. Die Werkstätten sind leider ein ziemlicher Reinfall. Die erste ist bis August ausgebucht und arbeitet sonst an Lamborghini, Porsche und Ford Mustangs. Immerhin haben die Mechaniker was zu gucken. Der Volvo sei eh zu groß für ihre Halle. Sie empfehlen uns eine andere Werkstatt, diese wimmelt uns aber direkt ab. Die dritte Werkstatt will nichts mehr mit Vergasern zu tun haben. Diese würde aber theoretisch immerhin unseren Auspuff reparieren, der gibt uns momentan nämlich Sportwagen Vibes. Das ist nicht weiter schlimm, aber noch mehr auffallen müssen wir ja nun auch nicht. Der Chef würde sich Montag bei uns melden, generell sollte das kein Problem sein.

Dafür hat schon der zweite Schuster Zeit für uns und Dienstag sollen die Schuhe fertig sein. Auch bei der Canadian Post läuft es soweit gut. Bei der Mitarbeiterin funktioniert die Webseite auch nicht, aber sie erklärt uns, wie wir Pakete zum Post Office schicken können. Der erste UPS-Store sagt, man könne nichts direkt zu denen schicken, man müsse ein Postfach für einen Monat mieten. Zum Glück widerspricht der nächste UPS-Shop dem komplett und wir können dort auch Pakete aus Europa hinschicken. Sie nehmen dafür zwar eine Gebühr, aber immerhin.
Das Thema Auspuff sollte sich dann ja hoffentlich nächste Woche klären. Da wir jetzt doch kein Problem mit den Vergasern haben, aber die eine Werkstatt daran rum gestellt hat, hätten wir das gerne zurück gestellt. Wir haben noch eine weitere Adresse, wo wir nächste Woche vorbei schauen werden, aber vorerst drehen wir selber an der Leerlaufdrehzahlschraube. Ein bisschen nach Gedächtnis, der Mechaniker hatte sie rausgedreht und wir drehen sie wieder rein. Wir stellen weder im Leerlauf noch beim Fahren einen Veränderung fest, naja. Heute erreichen wir nichts mehr in Calgary, also geht es für ein paar ruhige Tage Richtung Rocky Mountains.
Alberta verfügt über viel “Public Land”, auf diesem darf man nach gewissen Regeln frei stehen. Da die Rocky Mountains aber teilweise sehr überlaufen sind, hat Alberta für die Regionen direkt an den Bergen eine Gebühr (41C$ im Jahr) erhoben. Nach viel Webseiten-Chaos ist diese Gebühr bezahlt und wir können los. Eigentlich muss man dafür eine App runterladen und den Permit dort hinterlegen. Bei Bretti geht das auch, aber Chris Handy sagt: “Die App ist in ihrem Land nicht verfügbar”, vermutlich ist es wieder in Polen unterwegs. Naja, wir haben den Permit als PDF dabei.
Die Rocky Mountains sind in Sicht
Wir kaufen noch für 5 Tage ein und starten die 150 km Tour Richtung Westen. Unser Ziel ist ein Platz mit Blick über das Ghost River Valley. Bevor es in die Wildnis geht, sehen wir noch ein Auto am Highway Rand stehen, aus dem Golfbälle verkauft werden. Joar, ob sich das so lohnt, wissen wir jetzt auch nicht.
Weg vom Highway schlängelt sich die Straße durch Wälder und Wiesen. Wir sehen einige Rehe mit Jungtieren, diese bleiben aber alle brav am Straßenrand. Bald verlassen wir die Teerstraße für eine sehr nervige Wellblechpiste und erreichen die Grenze zum Public Land, wo nochmal die Regeln auf einem Schild erklärt werden. Direkt dahinter sehen wir auch die ersten Camper. Mitten im Wald stehen einige und den Weg entlang stehen auch immer wieder welche. Wir haben schon etwas Sorge, dass alles voll ist am Freitag Abend, aber es gibt so viele Möglichkeiten, da verläuft es sich ganz gut. Wir wussten nicht wirklich, was uns erwartet, die Straße ist schon schlecht, aber sollte mit den Pickups und SUVs hier kein Problem sein. Zu unserer leichten Verwunderung sehen wir auch einen VW Beatle der die Straße hoch gequält worden ist und einer dieser riesigen Wohnwagen steht auch neben dem obligatorischen Pickup.

Bei der Aussicht wundert es nicht, dass hier so viel los ist. Leider sind die Menschen hier nicht anders als zuhause und wir sammeln erstmal Müll, inklusive einer Packung mit Butterkeksen, Schokolade und Marshmallows, die kaum angefangen ist. Sauerei um die Lebensmittel und gut für die Tiere hier ist das natürlich auch nicht. Naja anyway.
Wir stehen in der Nähe von zwei Familien mit kleinen Kindern, von denen mindestens eins nicht so zufrieden mit der Gesamtsituation zu sein scheint. Da “in der Nähe” noch immer über 100m bedeutet, stört das aber nicht. Gegen Abend wird es noch merklich voller, aber das ist alles gut aushaltbar. Wir machen einen OKG (Ortskontrollgang). Schon interessant, was für Leute hier her kommen. Auf dem Rückweg finden wir eine kleine Ankermusikbox, mal schauen, ob die jemand vermisst. Wir genießen den Ausblick, aber der Tag war lang, deshalb geht es bald ins Bett.
Bevor Chris einschläft, meldet die Polarlicht-App “hohe Aktivität an ihrem Standort”. Mit bloßem Auge sieht man nicht wirklich was, aber Chris sammelt seine Kamera mit Stativ ein und geht raus. Es scheint sich zu lohnen, also quält sich Bretti auch aus dem warmen Bett. Ganz ehrlich, Polarlichter ohne Kamera sind ein Scam. Vielleicht sieht man bei noch stärkeren Polarlichtern auch mehr mit dem Auge, aber hier war es nur ein leichter Schimmer. Hingegen mit einer Kamera:


Gut ,dass der Mond aufgeht und die Woken zu ziehen, so sind wir dann gegen 1 Uhr auch mal ins Bett, diesmal wirklich.
Ich und mein Holz

Das heutige Tagesziel ist Lagerfeuer machen und grillen. Zuerst frühstücken wir aber mit Sicht auf die Berge. Ohne Mücken ist Kanada schon sehr angenehm. Danach werden Autoteile bestellt. Neben dem Auspuffrohr hat auch der Krümmer, der Teil des Auspuffs direkt am Motor, einen Riss. Diesen gibt es nur in Europa, also bestellen wir den dort. Der Shop ist auf die Militär-Volvos spezialisiert und deswegen bestellen wir auch gleich neue Türschlösser. Das Schloss der Fahrertür haben wir ja auf Neufundland verloren. Ob wir nach 2,5 Monaten unsere Fahrertür wieder abschließen können? Bleibt gespannt, wie immer ist alles nicht so einfach.
Während Chris mal wieder unterm Auto liegt und Wartung macht, kümmert sich Bretti um ein wenig Haushalt. Diese klassische Rollenverteilung kotzt uns ehrlich gesagt an. Wir versuchen die Aufgaben gleichmäßig zu verteilen, bloß manchmal hat man nicht die Ruhe und will fertig werden. Als erstes wird die Spur der Vorderachse zurück gestellt. Wir hatten weniger “Vorspur” eingestellt, weil wir dachten, dass die Reifen davon schräg abgefahren werden. Nach dem Reifentausch sieht man aber, dass nun die Innenseiten der Reifen mehr abgefahren werden als außen. Naja, Chris stellt das zurück, leider erkennt man nicht wirklich wie das vorher war, entsprechend ist es vermutlich jetzt wieder zu viel.
Leider findet sich auch Metall an der magnetischen Ablassschraube des Verteilergetriebes, also das Getriebe welches gerade überholt worden ist. Die Stimmung ist entsprechend erstmal im Keller. Wir entscheiden uns, der Werkstatt eine Mail zu schicken, vor Dienstag fahren wir hier eh nicht weg. Vielleicht sind das ja noch Reste oder es gibt eine andere, nicht katastrophale Ursache.

Unser eines Radlager ölt auch noch weiterhin fleißig in die Bremse, das werden wir nun auch in den nächsten Tagen angehen.
Nach diesen erfreulichen Tätigkeiten geht es endlich ans Feuerholzorganisieren. Wir fragen uns grundsätzlich, wer hier entscheidet, welcher Baum gefällt wird, sammeln aber natürlich nur schon am Boden liegendes Holz. Manche mögen es kennen, man kann nie genug Holz haben und entsprechend eskaliert das ganze etwas. Am Ende lassen wir sicher die Hälfte hier.




Das Holz ist leider gar nicht so trocken und das Anfeuern zieht sich merklich. Als es dann brennt, raucht es dafür umso doller. Wir haben trotz allem einen sehr schönen Abend .


Bretti grillt, sie macht das ja auch einfach wunderbar. Wir haben die Grundregel, wer zuerst Hunger hat, der grillt. Bretti ist von der Regel nicht so überzeugt. Wir haben nach der ganzen Fahrerei der letzten Wochen einen sehr schönen ruhigen Abend.
Nach einem heißen Abend folgt eine kalte Nacht
Gestern sind wir beim Holzmachen in der Sonne noch ordentlich ins Schwitzen gekommen, dafür fallen die Temperaturen diese Nacht auf 4°C. Am heutigen Tage ist viel Regen angesagt, also machen wir einen Computer-Tag. Chris befasst sich mit dem Abdichten des Portalgetriebes. Nach dem Studieren des Forums und der Zeichnungen kommt er zu dem Schluss, dass es ohne teures Spezialwerkzeug möglich sein müsste. Solange das Radlager nicht kaputt ist und darauf deutet bisher zumindest nichts hin. Uns fehlt dafür nur noch eine Kofferwaage, mehr dazu lest ihr dann in den nächsten Tagen. Bretti schreibt derweil den nächsten Blog-Eintrag.
Der alte Meister Serge aus der Werkstatt in Rivière-du-Loup meldet sich heute schon zurück. “Das muss nichts schlimmes sein, generell produzieren Getriebe Metallabrieb. Genau um sowas zu fangen, seien die magnetische Schrauben da.” Er hätte gerne noch ein Bild davon. Daran hatten wir leider zu spät gedacht und die Schraube schon sauber gemacht. Nach einer weiteren Fahrt werden wir dann nochmal gucken, ob wieder Metall dran ist und ein Foto machen (das Bild oben haben wir entsprechend nach besagter weiterer Fahrt gemacht). Wir sind erstmal erleichtert und hoffen das Beste.
Es regnet immer wieder, aber der angekündigte starke Wolkenbruch bleibt aus. Chris versucht sich heute an einer zweiten Version des Brownie-Käsekuchens. Diesmal ist er auch zufrieden mit dem Ergebnis. Das wird nicht der letzte gewesen sein.

Als nächstes wird der Kühlschrank geputzt bzw. enteist. Wenn wir irgendwas im Eisfach richtig kalt haben wollen, sorgt es dafür, dass im Kühlschrankteil alles an der Rückwand anfriert. Mittlerweile geht die Tür nicht mehr richtig zu, also wird das Eis an der Rückwand abgeschlagen und das Speiseeis aus dem Eisfach aufgegessen. Ohne Speiseeis können wir den Kühlschrank etwas runter drehen und es friert weniger fest.
Wir rechnen außerdem unsere Finanzen durch. Im Juni liegen wir bei Ausgaben von 8.100€. Ein “bisschen” über dem Budget. Davon sind 4.400€ alleine für die Werkstatt(Ersatzteile kommen da noch drauf). Die 1.400€ für Benzin machen uns dann doch neugierig und wir rechnen mit unseren Notizen und der Rechnung der Werkstatt nach, wie viel Kilometer wir denn gefahren sind. 5.100 km sind wir im Juni gefahren. Kanada ist an der breitesten Stelle 5.500 km breit(Luftlinie). Joar, kein Wunder, dass wir ein bisschen drüber sind.
Es ist heute maximal 11°C und wir entscheiden, einfach im Auto zu bleiben. Morgen ist das Wetter wieder super, da kann man noch genug Feuer machen.
Es ist Sonntag entsprechend sind wir hier mittlerweile ganz alleine. Da fällt uns unsere Drone ein und wir schaffen es nun doch noch aus dem Auto für ein paar Aufnahmen.


Morgen bleiben wir auf jeden Fall noch hier. Es wird sich wieder mit Autoteilen und Werkstätten rumgeärgert, aber es gibt auch Kuchen und Lagerfeuer.


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