Category: Sasketchewan

  • Woche 16 | Teil 2: Von der Prärie in die Berge

    Woche 16 | Teil 2: Von der Prärie in die Berge

    Auf dem Weg nach Calgary

    Wir frühstücken hier wieder nett unter den Bäumen, aber so richtig gute Stimmung kommt nicht auf. Nicht mal baden waren wir hier. Die Brötchen schmecken auch nicht so dolle. Wir brauchen wohl mal wieder ein paar Tage Pause. Wir kennen diese Stimmung schon von unseren anderen langen Reisen und eigentlich wollen wir auch regelmäßige Pausentage machen. Naja, das hat diesen Monat nicht so geklappt. Das ist nach der langen Zwangspause nicht so überraschend, aber nun muss hier mal wieder etwas Reisealltag aufkommen.

    Frühstück auf dem Campingplatz

    Der Plan ist erstmal zügig nach Calgary, der nächsten großen Stadt zu fahren und dort unser Paket-Chaos endlich zu regeln. Entsprechend brechen wir zeitnah auf und folgen den endlosen Dirtroads durch die Kulturlandschaft. Wir sehen richtig viele Antilopen, so langsam würden wir uns aber auch mal wieder über Bäume freuen. Diese tauchen im Laufe des Tages und im Grenzgebiet zur Provinz Alberta dann auch auf. Es zeigen sich richtige Wälder und die Dirtroad schlängelt sich steil einen Berg hoch. Oben hat man eine weite Sicht über das sonst flache Land. Wir sind uns nicht 100-prozentig sicher, ob wir hier langfahren dürfen, aber zurück fahren wollen wir den ganzen Weg auch nicht. An einem Feld steht ein Schild: “No Trespassing” also “Betreten verboten” soweit so normal. Das Zusatzschild: “Are you bullet prove or just stupid?” ist dann schon weniger normal. Wir fühlen uns entsprechend sehr wohl hier und fahren zügig weiter.

    nicht bullet prove also geht es schnell weiter

    Alberta unterscheidet sich erstmal kaum von Saskatchewan, die Bäume vom Anfang weichen bald wieder endlosen Feldern. Im Gegensatz zum Rest von Kanada stehen hier recht viele Windkraftanlagen. Das flache Land der Great Plains wirkt eigentlich perfekt für die Anlagen, aber die Öllobby ist hier sicher auch sehr stark.

    Nach 9 Tagen durchs Hinterland geht es heute wieder auf den Highway 1, den Trans Canada Highway. Der Highway ist hier auch nicht sehr befahren, das macht den Weg nach Medicine Hat sehr entspannt. Angekommen werden die Vorräte aufgefüllt und wir checken Staples und UPS als mögliche Paket Zielorte aus. Zu Staples kann man keine Pakete direkt schicken, aber der Mitarbeiter im UPS-Store sagt, das sei bei allen Stores möglich und ganz einfach. Das macht uns Hoffnung für Calgary. Wir stoppen noch bei Tim Hortons und dann geht es weiter. Wir haben entschieden, direkt bis Calgary zu fahren, das sind fast 450 km, für uns ganz schön weit, aber sonst ist wieder Wochenende und dann bekommen wir sicher nichts geregelt.

    Wie überall in Kanada sehen wir immer wieder sehr lange Güterzüge. Die Schiene scheint für Logistik sehr wichtig zu sein. Bietet sich bei der Größe des Landes vermutlich auch an. Hier haben viele Industrieanlagen direkt einen Bahnanschluss. Das geht von den großen Minen bis zu den Getreidesilos in den kleinen Dörfern, bzw. zwischen Feldern. Aber auch hier wird zurück gebaut. Man sieht häufig stillgelegte Silos und Bahnanlagen. Im starken Kontrast zu den modernen Windkraftanlagen und Zügen sehen wir parallel zum Highway zwei Cowboys, die eine Herde Rinder treiben. Klassisch mit Cowboyhut, Lasso und Pferd. Wir hätten gedacht, dass diese schon lange durch Quads ersetzt worden sind.

    Die Fahrt vergeht viel schneller als gedacht und wir holen uns zum Abendessen noch Pizza bei Dominos. Leider ist diese nicht so gut wie zuhause. Wir übernachten heute am Rand von Calgary an einem Park. Der Park ist ab 23:00 Uhr geschlossen, ob man danach hier noch parken darf, wissen wir nicht, aber wir riskieren es und haben eine ruhige Nacht.

    An der Bilder Anzahl erkennt man, war nicht so unser Tag.

    Orga Tag

    Heute soll viel erledigt werden, also sind wir recht früh unterwegs. Brettis Wanderschuhe sollen zum Schuster, wir wollen zur Post und es werden einige Werkstätten abgeklappert, in der Hoffnung, dass eine unsere Vergaser richtig einstellt. Die Werkstätten sind leider ein ziemlicher Reinfall. Die erste ist bis August ausgebucht und arbeitet sonst an Lamborghini, Porsche und Ford Mustangs. Immerhin haben die Mechaniker was zu gucken. Der Volvo sei eh zu groß für ihre Halle. Sie empfehlen uns eine andere Werkstatt, diese wimmelt uns aber direkt ab. Die dritte Werkstatt will nichts mehr mit Vergasern zu tun haben. Diese würde aber theoretisch immerhin unseren Auspuff reparieren, der gibt uns momentan nämlich Sportwagen Vibes. Das ist nicht weiter schlimm, aber noch mehr auffallen müssen wir ja nun auch nicht. Der Chef würde sich Montag bei uns melden, generell sollte das kein Problem sein.

    Im roten Kreis ist das Loch zu sehen

    Dafür hat schon der zweite Schuster Zeit für uns und Dienstag sollen die Schuhe fertig sein. Auch bei der Canadian Post läuft es soweit gut. Bei der Mitarbeiterin funktioniert die Webseite auch nicht, aber sie erklärt uns, wie wir Pakete zum Post Office schicken können. Der erste UPS-Store sagt, man könne nichts direkt zu denen schicken, man müsse ein Postfach für einen Monat mieten. Zum Glück widerspricht der nächste UPS-Shop dem komplett und wir können dort auch Pakete aus Europa hinschicken. Sie nehmen dafür zwar eine Gebühr, aber immerhin.

    Das Thema Auspuff sollte sich dann ja hoffentlich nächste Woche klären. Da wir jetzt doch kein Problem mit den Vergasern haben, aber die eine Werkstatt daran rum gestellt hat, hätten wir das gerne zurück gestellt. Wir haben noch eine weitere Adresse, wo wir nächste Woche vorbei schauen werden, aber vorerst drehen wir selber an der Leerlaufdrehzahlschraube. Ein bisschen nach Gedächtnis, der Mechaniker hatte sie rausgedreht und wir drehen sie wieder rein. Wir stellen weder im Leerlauf noch beim Fahren einen Veränderung fest, naja. Heute erreichen wir nichts mehr in Calgary, also geht es für ein paar ruhige Tage Richtung Rocky Mountains.

    Alberta verfügt über viel “Public Land”, auf diesem darf man nach gewissen Regeln frei stehen. Da die Rocky Mountains aber teilweise sehr überlaufen sind, hat Alberta für die Regionen direkt an den Bergen eine Gebühr (41C$ im Jahr) erhoben. Nach viel Webseiten-Chaos ist diese Gebühr bezahlt und wir können los. Eigentlich muss man dafür eine App runterladen und den Permit dort hinterlegen. Bei Bretti geht das auch, aber Chris Handy sagt: “Die App ist in ihrem Land nicht verfügbar”, vermutlich ist es wieder in Polen unterwegs. Naja, wir haben den Permit als PDF dabei.

    Die Rocky Mountains sind in Sicht

    Wir kaufen noch für 5 Tage ein und starten die 150 km Tour Richtung Westen. Unser Ziel ist ein Platz mit Blick über das Ghost River Valley. Bevor es in die Wildnis geht, sehen wir noch ein Auto am Highway Rand stehen, aus dem Golfbälle verkauft werden. Joar, ob sich das so lohnt, wissen wir jetzt auch nicht.

    Weg vom Highway schlängelt sich die Straße durch Wälder und Wiesen. Wir sehen einige Rehe mit Jungtieren, diese bleiben aber alle brav am Straßenrand. Bald verlassen wir die Teerstraße für eine sehr nervige Wellblechpiste und erreichen die Grenze zum Public Land, wo nochmal die Regeln auf einem Schild erklärt werden. Direkt dahinter sehen wir auch die ersten Camper. Mitten im Wald stehen einige und den Weg entlang stehen auch immer wieder welche. Wir haben schon etwas Sorge, dass alles voll ist am Freitag Abend, aber es gibt so viele Möglichkeiten, da verläuft es sich ganz gut. Wir wussten nicht wirklich, was uns erwartet, die Straße ist schon schlecht, aber sollte mit den Pickups und SUVs hier kein Problem sein. Zu unserer leichten Verwunderung sehen wir auch einen VW Beatle der die Straße hoch gequält worden ist und einer dieser riesigen Wohnwagen steht auch neben dem obligatorischen Pickup.

    Stellplatz Aussicht

    Bei der Aussicht wundert es nicht, dass hier so viel los ist. Leider sind die Menschen hier nicht anders als zuhause und wir sammeln erstmal Müll, inklusive einer Packung mit Butterkeksen, Schokolade und Marshmallows, die kaum angefangen ist. Sauerei um die Lebensmittel und gut für die Tiere hier ist das natürlich auch nicht. Naja anyway.

    Wir stehen in der Nähe von zwei Familien mit kleinen Kindern, von denen mindestens eins nicht so zufrieden mit der Gesamtsituation zu sein scheint. Da “in der Nähe” noch immer über 100m bedeutet, stört das aber nicht. Gegen Abend wird es noch merklich voller, aber das ist alles gut aushaltbar. Wir machen einen OKG (Ortskontrollgang). Schon interessant, was für Leute hier her kommen. Auf dem Rückweg finden wir eine kleine Ankermusikbox, mal schauen, ob die jemand vermisst. Wir genießen den Ausblick, aber der Tag war lang, deshalb geht es bald ins Bett.

    Bevor Chris einschläft, meldet die Polarlicht-App “hohe Aktivität an ihrem Standort”. Mit bloßem Auge sieht man nicht wirklich was, aber Chris sammelt seine Kamera mit Stativ ein und geht raus. Es scheint sich zu lohnen, also quält sich Bretti auch aus dem warmen Bett. Ganz ehrlich, Polarlichter ohne Kamera sind ein Scam. Vielleicht sieht man bei noch stärkeren Polarlichtern auch mehr mit dem Auge, aber hier war es nur ein leichter Schimmer. Hingegen mit einer Kamera:

    Für die ersten Polarlicht-Fotos nicht schlecht
    Der Mond ging dann auf, der Himmel hatte dafür dann eine ganz coole Farbe

    Gut ,dass der Mond aufgeht und die Woken zu ziehen, so sind wir dann gegen 1 Uhr auch mal ins Bett, diesmal wirklich.

    Ich und mein Holz

    Kaffee mit Aussicht

    Das heutige Tagesziel ist Lagerfeuer machen und grillen. Zuerst frühstücken wir aber mit Sicht auf die Berge. Ohne Mücken ist Kanada schon sehr angenehm. Danach werden Autoteile bestellt. Neben dem Auspuffrohr hat auch der Krümmer, der Teil des Auspuffs direkt am Motor, einen Riss. Diesen gibt es nur in Europa, also bestellen wir den dort. Der Shop ist auf die Militär-Volvos spezialisiert und deswegen bestellen wir auch gleich neue Türschlösser. Das Schloss der Fahrertür haben wir ja auf Neufundland verloren. Ob wir nach 2,5 Monaten unsere Fahrertür wieder abschließen können? Bleibt gespannt, wie immer ist alles nicht so einfach.

    Während Chris mal wieder unterm Auto liegt und Wartung macht, kümmert sich Bretti um ein wenig Haushalt. Diese klassische Rollenverteilung kotzt uns ehrlich gesagt an. Wir versuchen die Aufgaben gleichmäßig zu verteilen, bloß manchmal hat man nicht die Ruhe und will fertig werden. Als erstes wird die Spur der Vorderachse zurück gestellt. Wir hatten weniger “Vorspur” eingestellt, weil wir dachten, dass die Reifen davon schräg abgefahren werden. Nach dem Reifentausch sieht man aber, dass nun die Innenseiten der Reifen mehr abgefahren werden als außen. Naja, Chris stellt das zurück, leider erkennt man nicht wirklich wie das vorher war, entsprechend ist es vermutlich jetzt wieder zu viel.

    Leider findet sich auch Metall an der magnetischen Ablassschraube des Verteilergetriebes, also das Getriebe welches gerade überholt worden ist. Die Stimmung ist entsprechend erstmal im Keller. Wir entscheiden uns, der Werkstatt eine Mail zu schicken, vor Dienstag fahren wir hier eh nicht weg. Vielleicht sind das ja noch Reste oder es gibt eine andere, nicht katastrophale Ursache.

    Kleine Metallstücke im Öl….

    Unser eines Radlager ölt auch noch weiterhin fleißig in die Bremse, das werden wir nun auch in den nächsten Tagen angehen.

    Nach diesen erfreulichen Tätigkeiten geht es endlich ans Feuerholzorganisieren. Wir fragen uns grundsätzlich, wer hier entscheidet, welcher Baum gefällt wird, sammeln aber natürlich nur schon am Boden liegendes Holz. Manche mögen es kennen, man kann nie genug Holz haben und entsprechend eskaliert das ganze etwas. Am Ende lassen wir sicher die Hälfte hier.

    Bretti hat ein kleines Stück Holz gefunden
    Hier lohnt sich auch mal die große Axt
    Arbeitssicherheit wird hier groß geschrieben
    Und deswegen muss das Auto so hoch sein

    Das Holz ist leider gar nicht so trocken und das Anfeuern zieht sich merklich. Als es dann brennt, raucht es dafür umso doller. Wir haben trotz allem einen sehr schönen Abend .

    Grillmeisterin Bretti Bretschneider bei der Arbeit
    Grillen mit Aussicht

    Bretti grillt, sie macht das ja auch einfach wunderbar. Wir haben die Grundregel, wer zuerst Hunger hat, der grillt. Bretti ist von der Regel nicht so überzeugt. Wir haben nach der ganzen Fahrerei der letzten Wochen einen sehr schönen ruhigen Abend.

    Nach einem heißen Abend folgt eine kalte Nacht

    Gestern sind wir beim Holzmachen in der Sonne noch ordentlich ins Schwitzen gekommen, dafür fallen die Temperaturen diese Nacht auf 4°C. Am heutigen Tage ist viel Regen angesagt, also machen wir einen Computer-Tag. Chris befasst sich mit dem Abdichten des Portalgetriebes. Nach dem Studieren des Forums und der Zeichnungen kommt er zu dem Schluss, dass es ohne teures Spezialwerkzeug möglich sein müsste. Solange das Radlager nicht kaputt ist und darauf deutet bisher zumindest nichts hin. Uns fehlt dafür nur noch eine Kofferwaage, mehr dazu lest ihr dann in den nächsten Tagen. Bretti schreibt derweil den nächsten Blog-Eintrag.

    Der alte Meister Serge aus der Werkstatt in Rivière-du-Loup meldet sich heute schon zurück. “Das muss nichts schlimmes sein, generell produzieren Getriebe Metallabrieb. Genau um sowas zu fangen, seien die magnetische Schrauben da.” Er hätte gerne noch ein Bild davon. Daran hatten wir leider zu spät gedacht und die Schraube schon sauber gemacht. Nach einer weiteren Fahrt werden wir dann nochmal gucken, ob wieder Metall dran ist und ein Foto machen (das Bild oben haben wir entsprechend nach besagter weiterer Fahrt gemacht). Wir sind erstmal erleichtert und hoffen das Beste.

    Es regnet immer wieder, aber der angekündigte starke Wolkenbruch bleibt aus. Chris versucht sich heute an einer zweiten Version des Brownie-Käsekuchens. Diesmal ist er auch zufrieden mit dem Ergebnis. Das wird nicht der letzte gewesen sein.

    Browniekäsekuchen insides
    Brownie gerade fest, so soll es sein

    Als nächstes wird der Kühlschrank geputzt bzw. enteist. Wenn wir irgendwas im Eisfach richtig kalt haben wollen, sorgt es dafür, dass im Kühlschrankteil alles an der Rückwand anfriert. Mittlerweile geht die Tür nicht mehr richtig zu, also wird das Eis an der Rückwand abgeschlagen und das Speiseeis aus dem Eisfach aufgegessen. Ohne Speiseeis können wir den Kühlschrank etwas runter drehen und es friert weniger fest.

    Wir rechnen außerdem unsere Finanzen durch. Im Juni liegen wir bei Ausgaben von 8.100€. Ein “bisschen” über dem Budget. Davon sind 4.400€ alleine für die Werkstatt(Ersatzteile kommen da noch drauf). Die 1.400€ für Benzin machen uns dann doch neugierig und wir rechnen mit unseren Notizen und der Rechnung der Werkstatt nach, wie viel Kilometer wir denn gefahren sind. 5.100 km sind wir im Juni gefahren. Kanada ist an der breitesten Stelle 5.500 km breit(Luftlinie). Joar, kein Wunder, dass wir ein bisschen drüber sind.

    Es ist heute maximal 11°C und wir entscheiden, einfach im Auto zu bleiben. Morgen ist das Wetter wieder super, da kann man noch genug Feuer machen.

    Es ist Sonntag entsprechend sind wir hier mittlerweile ganz alleine. Da fällt uns unsere Drone ein und wir schaffen es nun doch noch aus dem Auto für ein paar Aufnahmen.

    Drohen Foto Stellplatz auf die Rocky Mountains
    Längster Selfistick
    Der Ghost River schlängelt sich aus den Bergen

    Morgen bleiben wir auf jeden Fall noch hier. Es wird sich wieder mit Autoteilen und Werkstätten rumgeärgert, aber es gibt auch Kuchen und Lagerfeuer.

  • Woche 16 | Teil 1: Grasslands National Park mit Höhen und Tiefen

    Woche 16 | Teil 1: Grasslands National Park mit Höhen und Tiefen

    Paket-Chaos am Morgen

    Während Bretti Frühstück macht, stürzt Chris sich ins Paket-Versende-Chaos. Es ist Montag, also haben die Post Offices wieder offen. Nun wollen wir dort anrufen, um zu klären, ob wir die nötigen Ersatzteile dorthin schicken können. Problem, sie haben keine Telefonnummer. Dann fällt uns noch ein, dass das Paket eh nicht mit der Canadian Post, sondern mit Fedex oder DHL verschickt wird. Das ginge also eh nicht zum Post Office. Somit hätten wir auch gar nicht warten müssen, bis das Post Office wieder geöffnet ist. Naja. Unsere Recherche ergibt, um das Paket zu einem Pickup Point/Paketstation zu schicken, müssen wir eine bestehende Adresse angeben und es dann umleiten. Wir nehmen die Adresse von Brettis Kumpel in Hamilton. Mal schauen, ob das Umleiten dann funktioniert. Nun wird aber erstmal draußen mit Blick auf die Prärie und herumwuselnde Erdhörnchen gefrühstückt.

    Nach dem Frühstück bauen wir unser Zelt probeweise auf, denn wir wollen eventuell im Backcountry campen, das heißt mitten im Nationalpark ca. 1 km vom Weg entfernt. Dafür ist es besser, vorher sicherzugehen, dass noch alles vorhanden ist und passt. Bis 11 Uhr müssen wir von unserem Platz runter, parken können wir aber in der Nähe direkt am Eingang des Campgrounds, ideal, um unsere Wanderung zu starten.

    Valley of the 1000 Devils

    Wir wollen heute den ca. 10 km langen Valley of the 1000 Devils Trail wandern. Der Trailhead, der Startpunkt, ist ca. 1 km entfernt. Wir starten die Wanderung bei bestem Wetter, Sonne, Wind und ein paar Wolken. Wir sehen viele Erdhörnchen, die von Bau zu Bau flitzen und sich immer wieder hinhocken, um was zu futtern, wobei ihre Bäuchlein so lustig dick aussehen. Einfach niedlich. Außerdem sehen und hören Vögel, von denen sich einige fotogen präsentieren, so dass das ein oder andere Foto entsteht, vielleicht auch ein paar mehr. Kühe sehen wir auch in der Ferne, leider keine Bisons. Später erfahren wir, dass es die auch nur im Westblock gibt.

    Am Anfang der Wanderung, noch frisch unterwegs
    Die Salbeibüsche verströmen ihren Duft in der Prärie
    Foto: Kingbird, schwarzer Vogel mit weißer Unterseite, der auf einem Wegweiser des Valley of 1000 Devils trails sitzt und den Schnabel aufreißt.
    Eastern Kingbird kündigt uns auf dem Valley of 1000 Devils Trail an
    Ein American Robin Pärchen, links Männchen, rechts Weibchen
    Ein Ground Squirrel (Erdhörnchen) steht vor uns auf dem Weg

    Durch den ganzen Regen der letzten Tage ist es sehr schlammig und der lehmige Boden sehr rutschig. Wir rutschen teilweise mehr als dass wir laufen. Uns entgegenkommende Wandereris warnen uns, dass wir gleich die Schuhe ausziehen müssten, die Brücke sei geflutet. Geflutet trifft es tatsächlich nicht ganz. Sie ist eigentlich zu kurz, bzw. das Flussbett (eher Bachbett) hat sich etwas ausgebreitet. Wir ziehen unsere Schuhe aus und waten barfuß mit hochgekrempelter Hose durch das Wasser. Immerhin angenehm kühl. Auf der anderen Seite machen wir kurz Pause, um unsere Füße wieder zu trocknen und dann geht’s mit Schuhen wieder weiter. Auf dem Rückweg werden wir hier wieder durch müssen.

    Fluss- oder eher Bachdurchquerung

    Besonders begeistert sind wir auf dieser Wanderung von der Pflanzenvielfalt. Es blüht richtig viel, sogar die Kakteen.

    Blüten der Prärie (oben von links nach rechts Silberne Lupine, Wellenblättrige Kratzdistel, Prairie Smoke, mitte links Prickly Pear Cactus, rechts Stauden-Lein, unten Tufted Evening Primrose, laut Google)
    Ganz viele blühende Kakteen überall, da will man nicht stolpern
    Auch auf Kacke kann schönes entstehen (Clustered bonnet)

    An der “Spitze” des Rundweges sehen wir dann auch das, was vermutlich die 1000 Devils sind, viele Felshügel. Eine Infotafel hätten wir hier noch gut gefunden. Wir machen eine Snackpause, da es hier aber keinerlei Schatten gibt und der Wind nachgelassen hat, fällt sie eher kurz aus. Auf dem Rückweg bringt uns die pralle Sonne auch gut ins Schwitzen. Da kommt die Abkühlung bei der gefluteten Brücke ganz gelegen. Auf den letzten Metern vor dem Parkplatz fällt Bretti auf, dass sich die Sohlen ihrer Wanderschuhe schon wieder lösen. 12 km hat die Reparatur beim Schuster nur gehalten.

    Der Wanderer und die 1000 Devils

    Zurück am Auto gibt es erstmal die selbstgebackene schwedische Apfeltorte mit bestem Blick auf die Prärie-Landschaft und auf rumtobende Erdhörnchen. Es gibt hier echt viele. Und einen singenden American Robin.

    Der sich magisch drehende Kuchenteller. Es weht ein bisschen.
    Singender American Robin, Ton an!

    Kurz bevor wir dann losfahren wollen, hält ein Auto aus Österreich neben uns. Wir kommen recht lange ins Gespräch und unterschreiben auf ihrem Auto. Sie meinen, das sei die beste Stimmungsauflockerung an Landesgrenzen, wenn die Grenzposten auf dem Auto unterschreiben dürfen. Die beiden wollen die Panamericana fahren und haben nur je 3 Monate in Kanada und USA. So wie wir sind sie auch noch am überlegen, ob sie ihre USA-Aufenthaltsgenehmigung mit Alaska anbrechen wollen oder die 180 Tage erst ab Washington starten. Es sind die ersten Langzeitreisenden, mit denen wir ins Gespräch kommen. Wir tauschen Kontaktdaten aus, vielleicht trifft man sich ja nochmal wieder.

    Dann fahren wir schließlich los zu einer Kirche mit Friedhof mitten zwischen Feldern, dort übernachten wir. Immerhin sind hier die Nachbarn schön ruhig *höhö*. Auf dem Weg dorthin sehen wir Pronghorn Antilopen (Gabelbock), die wir unter anderem daran erkennen, dass sie unter einem Zaun hindurch schlüpfen. In unserem Grasslands Nationalpark Visitor Guide steht: “Fences: Pronghorns go under and deer jump over!” (“Zäune: Pronghorns gehen drunter durch und Rehe hüpfen drüber!”).

    In der Ferne sehen wir schon unseren Übernachtungsplatz und Regen.
    Übernachtungsplatz und dreckiges Auto

    Toilette mit Aussicht

    Wir kommen über verschiedenste Themen darauf, dass man uns mit dem Auto nicht gerade das Rasen vorwerfen könnte. Bretti entgegnet, dass man uns wortwörtlich schon Rasen (die Pflanze) vorwerfen könnte. Bretti ist sehr lustig. Neben der Kirche befindet sich ein Plumpsklo, das Chris inspiziert. Die Tür geht erst nicht gut auf, dann hat er die halbe Tür in der Hand. Er stellt sie kurzerhand daneben. Toilette mit Aussicht ist ja auch was schönes. Nachdem die Straße den ganzen Morgen bisher leer war, fährt in dem Moment natürlich ein Auto vorbei. Es ist immerhin nicht stehen geblieben, so richtig wissen wir ja nicht, ob wir hier stehen dürfen. Auf dem Friedhof tummeln sich wieder ein paar Erdhörnchen. Die mögen wohl auch die ruhige Nachbarschaft.

    Aussicht von der Toilette

    Wir fahren heute zum Westblock des Nationalparks. Auf dem Weg dahin sehen wir einige Pronghorn Antilopen, die freundlicherweise auf dem Feld stehen bleiben, so dass wir ein paar Fotos machen können.

    Pronghorn Antilopen mit Jungtier und flauschigen weißen Popos

    Über den Feldern sehen wir immer wieder Greifvögel durch die Luft gleiten oder gegen den Wind ankämpfen. Und auf den Feldern sehen wir massive Bullen. Wir fahren über eine Straße mit dem Schild “road in construction”. So weit so normal. Als wir rüber fahren fliegen die Teerbrocken ums Auto herum, ins Auto, auf die Scheibe… Hier soll der Teer wohl von den Autos festgefahren/ in die Straße eingearbeitet werden. Top System, es sind schon Spurrillen erkennbar.

    Klebrige Teerklumpen überall

    Beim Westblock des Nationalparks gehen wir erstmal zum Visitor Center, wo wir mal wieder ausführlich beraten werden. Teile des Parks sind wegen des Regens und entsprechend nasser Straßen gesperrt. Schade, denn wir wären die Straße gern gefahren. Die Bisons mit ihren noch rötlich gefärbten Jungtieren verstecken sich wohl in einer nördlichen Ecke des Parks, in deren “Nähe” eine 15 km lange Wanderung verläuft. Wir überlegen, diese Wanderung am Mittwoch mit Backcountry Camping kombiniert zu machen, vorausgesetzt das Wetter spielt mit. Heute fahren wir den Ecotour Scenic Drive, eine Panoramastraße durch den Park. Vor dem Visitor Center treffen wir die beiden Österreichis von gestern wieder. Während an unserem Auto noch Teerklumpen hängen, ist ihr Auto recht schlammig. Sie sind durch den gesperrten Teil des Parks hierher gefahren, da am anderen Ende der Straße weder Sperre noch Hinweis auf eine Sperrung waren. Die Straße war wohl extrem schlammig, aber dafür haben sie ja einen Landcruiser. Wegen ihres engen Zeitplans geht es für sie schon heute nach Saskatoon, auch sie brauchen Auto-Teile, die hier schwer zu bekommen sind.

    1 Million Fotos von Präriehunden

    Wir fahren 20 km Richtung Park und folgen dann der 20 km langen Panoramastraße durch den Park mit Stops an den jeweiligen Infopunkten. Wir lernen was über die Prärie, ihre Geschichte, die Flora und Fauna. So ganz ist unser Wissensdurst aber noch nicht gestillt. Die Landschaft ist sehr schick und noch grasiger als der Ostteil. Die Bisons sehen wir leider nur ganz weit entfernt als schwarze Punkte durch den Zoom unserer Kameras.

    Na, seht ihr die Bisons?
    Mit viel Zoom, erkennt man sie

    Viel näher dran sind dafür die Präriehunde. Entlang des Weges befinden sich zwei riesige Präriehundkolonien, wo wir ganz viele Fotos machen. Die sind einfach zu niedlich. Zitat Chris: “Ohhh… diese Nasen und diese Knopfaugen!” Stellt ihn euch dabei mit Herzchen in den Augen vor und Bretti auch.

    Ein klopsiger Präriehund snackt direkt am Weg
    Ist es nicht niedlich?
    Zuneigung oder Kampf? Könnte beides sein
    “Runter vom Rasen” pöbelnde Präriehunde in/auf ihrem Bau
    Wir finden, es sieht aus wie ein Rentner-Präriehund

    Wir verbringen einige Stunden auf diesem Ecotour Scenic Drive. Auf dem Weg zurück stoppen uns regelmäßig Präriehunde und Ground Squirrels, die sorgen hier wohl dafür, dass die Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h auch ja eingehalten wird. Besser wäre wohl noch Schrittgeschwindigkeit. Außerdem sehen wir einen American Badger (Silberdachs), der von einer Eule, vermutlich einer Burrowing Owl (Kaninchenkauz/Präriekauz), attackiert wird und sich in einen Präriehundebau buddelt. Erfolgreich oder nicht, wissen wir nicht. Er zieht weiter und wird dabei immer wieder von der Eule attackiert.

    American badger vs Burrowing Owl
    American Badger guckt aus dem Präriehundbau raus

    Nach dem Hoch kommt das Tief in Val Marie

    Wir fahren zurück nach Val Marie zu unserem online gebuchten Campingplatz. Es gibt kein Check-in oder Personal, also stellen wir uns einfach an besagten Platz. Es folgt ein kleiner Spaziergang durch den Ort, um zu schauen, ob hier Geschäfte auf haben. Das Restaurant hat geöffnet, auch wenn es nicht so aussieht, da wollen wir später essen gehen. Aus dem Grocery Store gegenüber nehmen wir noch ein überraschend leckeres Bier mit, dann geht’s erstmal zurück zum Campingplatz. Kaum angekommen fängt es ordentlich an zu regnen. Wir verziehen uns ins Auto. Chris schreibt am Blog und Bretti versucht die Sohle ihrer Wanderschuhe mit “the right stuff” zu kleben, das wir von Samuel in der Werkstatt bekommen hatten. Ist zwar nicht für Schuhe gedacht, aber wenn es Autoteile kleben kann, warum nicht auch Schuhsohlen oder? Oder?

    Große Begeisterung beim Schuhekleben, immerhin an den Händen klebt es gut

    Gegen 19 Uhr geht’s zum Restaurant. Dort stehen jetzt auch viele Autos. Es ist ein kanadisch-chinesisches Restaurant, was sich auch im Ambiente, der Deko zeigt, ziemlich wild durcheinander. Hier können wir außerdem nur bar bezahlen, ungewöhnlich für Kanada. Dafür haben sie im Eingang einen ATM, einen Geldautomaten, stehen. Das passt ganz gut, denn wir brauchen eh mal wieder Bargeld für die Waschsalons. Chris wählt die kanadische “Geschmacksseite”, Burger und Poutine, Bretti wählt die chinesische mit gebratenen Nudeln. Die sind etwas anders als gewohnt, eher wie yumyum-Nudeln, ist aber auch in Ordnung. Gut gesättigt geht’s zurück.

    Das Restaurant war mal ein Hotel
    Wir sitzen neben einem Tisch mit Abrechnungen

    Das Kleben der Sohlen von Brettis Wanderschuhen hat nicht geklappt, deswegen gehen wir morgen leider nicht wandern, sondern verlassen den Park wieder, leider ohne wirklich Bisons gesehen zu haben. Wir sind sehr geknickt deswegen. Ein kleiner Lichtblick ist, dass es auf unserer Reise noch mehr Möglichkeiten geben wird, Bisons zu sehen. So richtig trösten kann uns das heute Abend allerdings nicht.

    Hinzu kommt, dass das Umleiten des Pakets mit den Autoteilen nicht so klappt wie erhofft. Das geht nur an bestimmten Punkten in der Nähe der Versandadresse, also die von Brettis Kumpel in Ontario. Dort geht das Paket nun hin, ohne Umleitung. Wir hoffen, dass Brettis Kumpel uns das dann irgendwie zuschicken kann, wie und wo wissen wir noch nicht genau. Canada Post bietet eigentlich Paketannahme in ihren Poststationen an, allerdings klappt die Registrierung online eher schlecht, die Website scheint kaputt zu sein. Fedex, UPS und DHL sind auch irgendwie alle komisch und nicht wie in Deutschland. Wir werden wohl mal zu einem ihrer Stores fahren und nachfragen. Das Paket mit den Autoteilen aus Europa muss erstmal warten. Wir würden uns einfach eine Packstation wünschen, an die wir das Paket direkt versenden können, ohne vorher da gewesen sein zu müssen, damit wir die Versendezeit besser einplanen können und nicht an einem Ort warten müssen. Das es so kompliziert ist, nervt und ist anstrengend.

    Wir diskutieren außerdem schon seit ein paar Tagen, ob wir wirklich nach Alaska fahren sollen oder nicht. Wie schon erwähnt geht es anderen Reisenden da auch so. Wir starten hier mal eine Pro/Kontra Liste:

    Pro Alaska

    • August ist Lachszeit, perfekt, um in Alaska Bären zu sehen
    • Wenn wir in den Norden fahren, sind wir eh nah an Alaska
    • und wir müssten nicht nochmal so weit hoch in den Norden fahren, haben danach mehr Flexibilität
    • Alaska ist echt schön

    Kontra Alaska

    • Wir hängen in unserem Zeitplan 1 Monat hinterher
    • Aufenthaltsgenehmigung von 180 Tagen beginnt schon in Alaska, d.h. weniger Zeit im anderen USA-Teil, bzw. im Februar notwendige Ausreise, Kanada zu kalt, also nach Mexiko?
    • Yukon soll auch sehr schön sein und man kann dort auch Bären sehen

    Unsere Tendenz ist momentan, noch nicht nach Alaska zu fahren, um uns nicht zu sehr zu hetzen, mehr Flexibilität zu haben und die 180 Tage Aufenthaltsgenehmigung erst in Washington zu starten. Gerade muss erstmal noch viel organisiert werden und wer weiß, wie viel Zeit das in Anspruch nehmen wird. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, vielleicht verlängern wir unsere Reise ja auch und fahren nach dem USA-Teil wieder hoch nach Kanada und dann nach Alaska.

    Wir sind beide sehr genervt, traurig und frustriert an diesem Abend. Wir gehen duschen, spülen die schlechten Gefühle etwas ab und lassen den Abend ohne weitere nervigen Themen ausklingen, auch wenn die Mücken das anders sehen, davon gibt’s hier wieder recht viele.

    Neuer Tag, bessere Stimmung

    Wir schlafen lange aus. Die Sonne kitzelt unsere Nasen und mit besserer Stimmung wachen wir an diesem Morgen auf. Wir frühstücken draußen in der Sonne trotz Mücken und mit dem Nachbarshund, dem scheint langweilig zu sein. Bevor es heute weitergeht checken wir noch die Zündkerzen und unsere Zündungsimprovisation. Sieht alles gut aus soweit. Wir dichten noch was am Motor ab, in der Hoffnung, dass er weniger Öl verliert. Dann düsen wir 90 km zur nächsten Tankstelle mit Premium Benzin, das ist in dieser Gegend weniger vertreten. Begleitet werden wir vom “la la lei” von Simon and Garfunkel (The Boxer), das uns schon den ganzen Morgen im Kopf herumschwirrt.

    Inspiriert durch die Info über die Nutzung von “Holsteiner Fleckvieh”/”Holstein Cow”, von der wir gestern im Visitor Center gelesen haben, machen wir während der Fahrt einen Exkurs in die Geschichte Schleswig-Holsteins. Was gehörte nochmal alles zu Schleswig und was zu Holstein? Wir fahren an einem Schild des T-Rex Centers vorbei, einem Dino-Museum. Wir entscheiden uns aber dagegen, dorthin zu fahren, denn es gibt hier sehr viele Dino-Ausstellungen und zwei andere stehen schon auf unserer Liste. Außerdem wollen wir heute gerne mal nichts tun. Auf den Feldern sehen wir wieder Ölpumpen, Pronghorn Antilopen und Mule Deer (Maultier-/Großohrhirsch).

    Wir kommen am Campingplatz an einem See an. Gezahlt wird hier auf Spendenbasis, um mind. 15C$ pro Nacht wird gebeten. Hier sind viele große Wohnwagen mit Generatoren, die die Nacht durch laufen und mind. ein Pickup pro Camp. Neben einem Reisebus-Camper sind wir die einzigen ohne Pickup. Alle grillen und trinken Bier. Leider lädt uns niemand ein. Es riecht so gut wir haben aber nichts zum Grillen oder trinken dabei. Wir haben trotzdem einen schönen Abend. Bei Sonne und Regen sitzen wir draußen, entspannen und schreiben zusammen am Blog.

    Der Regenschirm passt perfekt über die Bank
    Regebogen überm Nachbarcamp, das wir die Wagenburg nennen mit 8 Pickups

    Später zieht eine Gewitterfront durch und wir schauen fasziniert dem Wetterleuchten über dem See zu.

    Wetterleuchten überm See

    Gegen 23 Uhr zünden einige Camps ein Feuerwerk. Es ist nämlich Canada Day, der kanadische Nationalfeiertag, der an die Bildung Kanadas (als Bundesstaat des britischen Commonwealth) durch den British North America Act am 1. Juli 1867 erinnert. Schließlich wird es aber wieder ruhig draußen und auch wir gehen schlafen.

    Canada day bedeutet hier auch immer Feuerwerk
  • Woche 15 | Teil 2: Weit ist die Prärie

    Woche 15 | Teil 2: Weit ist die Prärie

    Triggerwarnung: Auf dem vierten Foto sind viele Krabbeltiere bzw. Zecken zu sehen.

    Frühstück in der Prärie

    Der Tag startet wie der letzte aufgehört hat, wir frühstücken mitten in der Wiese, diesmal aber im Schatten unseres Autos. Die Sonne hat schon morgens richtig Kraft. Wir sind jetzt ca. auf der Höhe von Stuttgart. Neben der Sonne ziehen hier auch wieder Regenwolken durch.

    Regenbogen am Horizont

    Nach dem Frühstück geht es den Lehrpfad entlang. Es gibt weniger zu lernen als erhofft, insgesamt gibt es ca. 5 Schilder mit wenig Text. Trotzdem nett als kleiner Spaziergang. Der Weg ist schnell maximal überwuchert und ist nur noch daran zu erkennen, dass außen rum das Gras noch höher ist.

    Bretti auf dem “Weg”
    Chris in der Prärie-Landschaft

    Wir sind Mücken und Zecken ja schon gewohnt, entsprechend stecken die Hosenbeine in den Socken. Auch wenn wir zurück am Auto viele Zecken von unseren Klamotten entfernen, werden wir die nächsten Tage immer wieder welche auf uns rumkrabbeln sehen. In den Falten der Hosen haben sich unzählige Zecken versteckt, die auf ihre Chance warten.

    Zecken in der Falte von Chris Hose

    Diese 8 Zecken sind erst der Anfang, auf Chris Hose befinden sich mindestens noch 40 andere. Bei Bretti sieht es ähnlich aus. Insgesamt kommen wir in den folgenden Tagen aber auf nur drei wirkliche Zeckenbisse, die wir bemerkt haben.

    Nach diesem spaßigen Spaziergang will Chris die Schläuche am Benzinfilter nachziehen. Dabei bricht der Filter direkt auseinander. Vermutlich war der eh nicht mehr richtig dicht, nun wird er getauscht.

    Auf in andere endlose Weiten

    Nach einem weiteren schwierigen Autostart, geht es weiter nach Saskatchewan. Das Auto läuft aber erstmal ganz gut, später wird es bergauf wieder Probleme machen.

    Am Straßenrand sehen wir nicht nur unzählige Pumpen, sondern auch einen Kojoten. Die Pumpen gab es schon in Manitoba und wir dachten, die seien für Grundwasser. Bald sehen wir eine Gasfackel neben einigen Pumpen. Das bedeutet, die Pumpen fördern kein Wasser sondern Öl. Eine kurze Recherche bestätigt, jep, hier wird aus vielen kleinen Brunnen Öl gefördert. Mitten zwischen den Feldern hat das eine komische Atmosphäre.

    Ölpumpe zwischen Feldern
    Gasfackel im Rapsfeld

    Generell fahren wir immer noch durch endlose Kulturlandschaft, aber die Flächen in Saskatchewan sind viel größer und die “Bauernhöfe” sind eher Industrieanlagen ohne Wohnhäuser. Zu den Industrieanlagen gehören sogar Agrarflugzeuge.

    Agrarflugzeug fliegt vorbei
    Die Straßen ziehen sich immer noch endlos geradeaus

    Die Straßen ziehen sich endlos geradeaus und zwischen den Feldern sind immer wieder Koppeln mit Bisons, Pferden und Rindern. Nach 100 km geradeaus kommen sogar zwei Kurven direkt hintereinander, ein echtes Highlight. Neben domestizierten Tieren sehen wir auch Rehe mit sehr langen Ohren. Zitat Chris: “Die Ohren sind länger als der Kopf, also ist es ein großer Hase”.

    Auf den kleineren Straßen rennen immer wieder Erdhörnchen über die Straße. Die sind schon sehr süß, aber ohne rechten Überlebensinstinkt ist das auch sehr stressig. Nachdem wir einige Kilometer über staubige Pisten gefahren sind, fällt uns ein, dass wir das Heckfenster nicht vollständig verschlossen haben. Immerhin ist der Staub vor dem Mückennetz geblieben. Unser heutiger Übernachtungsplatz sollte der Castle Butte werden, leider ist hier campen verboten, alles ist hier privates Land.

    Aussicht vom Castle Butte zum Parkplatz
    Castle Butte

    Da das Auto kurz vor Ankunft mehr Probleme gemacht hat, sind wir leider nicht wirklich entspannt genug, um hier mehr Zeit zu verbringen. Wir besprechen, wo wir in der Nähe für die Nacht stehen bleiben können, aber so richtig bietet sich nichts an. Wir entscheiden uns, an der Dirtroad stehen zu bleiben, aber nah an der Teerstraße. Soll uns keiner vorwerfen, dass wir hier heimlich campen. Bretti macht uns noch eine Kleinigkeit zu essen und Chris tauscht den anderen Benzinfilter. Die Probleme sind ja erst seit dem Filtertausch da. So richtig an Besserung glauben wir aber nicht.

    Für einen unfreiwilligen Stopp eine nette Aussicht

    Nachdem wir gegessen haben, hält ein Auto neben uns und ein älterer Herr steigt aus. Der ist sichtlich schlecht gelaunt und will uns nicht hier haben. Nachdem wir ihm die Situation erklärt haben, willigt er ein, dass wir hier bleiben können. Gut findet er das aber nicht, betont er immer wieder bis er davon fährt. Nach dieser freundlichen Einladung, hier zu bleiben, versuchen wir noch bis in den nächsten Ort zu kommen.

    Das Auto springt widerwillig an, läuft dann aber ganz gut. Wir fahren in der Dämmerung die 20 km in den nächsten Ort und stehen dort vor einer Curlinghalle. Wir werden Morgen erstmal das Ventilspiel einstellen, das ist eigentlich schon seit 1.500 km dran und ist eine Routinewartung. Wir glauben auch hier nicht wirklich an eine Besserung, aber da die Wartung eh ansteht, gehen wir das an. Nach Google kann das zu Startproblemen und Leistungsverlust führen, klingt schon nach unseren Problemen. Grundsätzlich hat jeder Zylinder des Motors ein Einlassventil (für das Benzin-Luft-Gemisch) und ein Auslassventil (für die Abgase). Wenn diese nicht mehr richtig schließen, drückt nicht mehr die ganze Energie der Explosion den Zylinder runter, sondern ein Teil geht verloren. Mehr dazu dann aber Morgen.

    Wartung und netter Mechaniker in Bengough

    Nach dem stressigen Abend haben wir gut geschlafen und sehr gut gefrühstückt. Soweit gestärkt machen wir uns ans Ventilspiel einstellen. Zuerst kommen die Zündkerzen raus, beim Einstellen muss man die Kurbelwelle drehen und das geht nur, wenn der Motor keinen Gegendruck(Kompression) hat. An den Zündkerzen sieht man auch, ob die Verbrennung sauber abläuft, also das Gemisch aus Benzin und Luft so ist, dass es sauber verbrennt. Diese sehen immerhin gut aus. Bisschen mehr Benzin im Gemisch wäre noch gut, aber dafür muss der Auspuff erstmal wieder dicht sein, dieser hat nämlich einen Riss… Warum der Auspuff dicht sein muss, damit die Benzinmenge richtig ist, ersparen wir euch für den Moment. Verbrennermotoren sind auf jeden Fall physikalische Wunderwerke, wenn man sich genauer mit ihnen beschäftigt. Für uns momentan zu viel Wunder und zu wenig Werk.

    Bretti dreht unterm Auto die Kurbelwelle und Chris stellt von oben das Ventilspiel ein.

    Das Ventilspiel muss zwischen 0,4 und 0,45 Millimeter eingestellt werden. So filigraner Kram ist ja nicht so unsere Stärke, aber muss ja. Bisher haben wir geglaubt, dass die Wartung nicht soo wichtig ist. Muss man natürlich machen, aber ob nun 1.000 km früher oder später macht keinen Unterschied. Trotzdem wären wir bereit, wenn das Auto nun besser läuft, das auch häufiger zu machen. Die Probefahrt zeigt: Es hat nichts verändert. Immerhin gibt es eine Werkstatt im Ort zu der wir jetzt erstmal fahren. Sie ist zum Glück nur zwei Straßenecken weiter.

    Mal wieder eine Werkstatt

    Der Mitarbeiter hat eigentlich keine Zeit, guckt sich den Motor aber trotzdem erstmal an. Er hat nicht direkt eine konkrete Idee. Wir probieren mit ihm ein paar Sachen aus und stellen am Ende ein bisschen was am Vergaser ein. Wir machen eine kleine Probefahrt und das Auto läuft aus uns noch nicht ganz nachvollziehbaren Gründen wieder besser. Es geht im Leerlauf z.B. nicht mehr aus. Er meint, man müsste sich mal den Vergaser genauer angucken, allerdings hat er zu viel Angst, dass er irgendwas nicht mehr zusammen bekommt oder kaputt macht, Ersatzteile nicht da hat etc. und dass wir dann hier festhängen. Zumal er eh erst ab Dienstag Zeit hätte (heute ist natürlich Freitag). Er empfiehlt noch, eine Benzinpumpe mit mehr Leistung zu verbauen. Da das Auto wieder einigermaßen läuft, fahren wir weiter Richtung Grasslands National Park. Während der Fahrt stellt sich heraus, dass das Problem auf jeden Fall noch nicht behoben ist, aber wir können mit 60 km/h bis zu unserem Ziel fahren. Dafür sehen wir einen Kojoten am Straßenrand.

    Wie gestern folgen wir endlos langen Straßen.

    Unser heutiges Ziel ist ein Schotterplatz in der Nähe des Nationalparks. Chris zerlegt noch die Benzinpumpe, während Bretti Kartoffelgratin macht. Die Pumpe sieht aber soweit sauber aus und scheint in Ordnung zu sein. Es zieht ein dickes Gewitter auf, deshalb klemmen wir zum ersten Mal unser Solarpanel und das Starlink ab. Ob es eigentlich was bringt, wenn das Auto vom Blitz getroffen wird, wissen wir nicht, aber Vorsicht ist besser als Nachsicht.

    Die Benzinpumpe sieht von innen aus wie neu.

    Kaum Gewitter und mehr Autoprobleme

    Das Gewitter kommt erst morgens bei uns an, ist aber nicht besonders stark, entsprechend schließen wir als es aufhört zu regnen unser Solarpanel und Starlink wieder an. Danach wollen wir eigentlich zum Eastblock des Grasslands Nationalparks aufbrechen, aber das Auto springt nicht mehr an. Wir improvisieren etwas, um die Benzinzufuhr sicherzustellen. Der gibt Lebenszeichen von sich, springt aber nicht an.

    Benzinpumpenunterstützung

    Wir testen den Zündfunken des ersten Zylinders. Es zeigt sich kein regelmäßiger Zündfunken. Das gibt uns einen Hinweis, wonach wir suchen müssen. Wir testen mit der Zündzeitpunktpistole die Zündsignale der einzelnen Zylinder, messen aber nix. Möglicherweise ein Messfehler? Wir konnten gestern ja noch fahren. Daraufhin schaut sich Chris den Zündverteiler an. “Der Rotor sieht komisch aus”, meint er. Wir vergleichen Bilder online mit unserem Rotor. Unserer sieht wie ein abgebrannter Rotor aus, das scheint vorzukommen. Wir fragen uns zwar, wie wir überhaupt noch fahren konnten, aber das scheint zumindest die Ursache für unsere Probleme zu sein. Es ist Elektronik, also startet Chris, der Elektriker, eine Pfusch-Reparatur.

    Das Durchgebrannte wird mit einer Litze ersetzt und zusammen gelötet.

    Die Reparatur und das alles zusammenzubauen dauert etwas länger, aber der Motor springt schließlich direkt an. Es besteht ein gewisses Risiko, dass die Reparatur durchbrennt, entsprechend sitzt Chris hinten im Koffer mit offener Motorhaube und dem Feuerlöscher griffbereit, während Bretti zu einer Probefahrt ansetzt. Die Probefahrt läuft gut, nichts steht in Flammen, enstprechend starten wir Richtung Nationalpark. Chris bleibt vorsichtshalber aber im Koffer. Hinweis: Bitte nicht nachmachen! Verschleißteile lieber vorher einstecken!

    Wir kommen wider Erwarten am Nationalpark an, die Fahrt lief unauffällig. Wir checken erstmal für eine Nacht ein (17€ die Nacht). Im Gespräch mit der Dame am Empfang, bietet sie an, dass wir die Auto-Ersatzteile auch zur nächsten Poststation schicken könnten und sie die dann mitbringen könnte. Wir beziehen aber erstmal unseren Platz und beseitigen das restliche Chaos im Auto. Nachdem wir die Reste von gestern gegessen haben, planen wir, welche Ersatzteile wir wohin bestellen. Hoffentlich können wir das Montag festzurren. Danach geht’s geschafft, aber happy ins Bett, wir sind froh, dass das Auto wieder läuft.

    Unseren ersten Campingplatz in Kanada teilen wir uns mit vielen Ground Squirrels.

    Grasslands Nationalpark Eastblock Day 1

    Wir verlängern am nächsten Tag direkt für eine weitere Nacht, auch wenn es heute den ganzen Tag regnen soll. Morgen wollen wir eine Wanderung im Park machen. Wir nutzen den Regentag und fahren die 10 km lange Panoramastraße entlang der Parkgrenze. Trotz Regen und Wind genießen wir die spektakuläre Aussicht. Es gibt leider keine Bisons zu sehen, dafür ein paar Kühe in der Ferne, die die Flächen freihalten.

    Bretti ist jetzt total informiert und nass.
    Man beachte auch die unfreiwilligen Plateauschuhe.
    Bart als Windanzeiger

    Die Panoramastraße ist einspurig, um Verkehr durchzulassen gibt es Ausweichstellen. An einer dieser Ausweichstellen hält ein Auto neben uns, welches uns mit “Ihr seid ja ganz schön weit weg von Zuhause” begrüßt. Es sind deutsche Auswanderer auf dem Weg zurück nach Manitoba. Wir quatschen kurz und schimpfen über das Wetter wie es sich für echte Deutsche gehört. Zitat: “Wenn es mir schon morgens auf die Brille pisst, dann hab ich direkt keinen Bock mehr.” Bretti kann das mit ihrer nass geregneten Brille nachvollziehen, von Ausflügen zu den Aussichtspunkten und Infotafeln hält es uns aber nicht ab.

    In der eigentlich trockenen Landschaft hat sich schon ein Teich gebildet.

    Nach diesem hochkulturellen Austausch und dem Beenden der Tour geht’s zurück zum Campingplatz. Dort sammeln wir Feuerholz ein, denn wir haben uns für heute optimistischerweise eine Feuer-Erlaubnis geholt. Ab 14 Uhr sollte es laut Wetterbericht trocken bleiben. Chris verstaut die Autoersatzteile, denn das Auto ist heute morgen sogar im Regen perfekt angesprungen. Bis der Regen aufhört, gammeln wir im Auto. Bretti macht schwedische Apfeltorte. Wie immer hat sie vergessen, das halbe Rezept zu machen, entsprechend haben wir jetzt zwei Torten.

    Die Sahne der eigentlichen Sahneschicht gibt es separat mangels Platz im Kühlschrank.

    Das mit dem trockenen Wetter klappt so mittelmäßig, aber immerhin wartet der nächste Regenschauer bis das Feuer ordentlich brennt. Wir flüchten uns derweil ins Auto. Der Regen hört immer mal wieder auf, mal nieselt es nur und mal stehen wir sogar trocken am Lagerfeuer. Die Feuer-Erlaubnis ist bezahlt, also nutzen wir das auch. Wir genießen dabei die fantastische Aussicht mit schönem Sonnenuntergang und später noch Kojotengeheul in der Ferne.

    Perspektive aus dem Auto, zum Glück geht das Feuer nicht aus.
    Mittel zufrieden mit dem Wetter, aber es wird besser und es geht ums Prinzip.
    Unsere Sturheit wird mit einem schönen Sonnenuntergang belohnt.

    Gegen 22 Uhr geht uns das Feuerholz aus, das passt uns auch gut, denn wir können auch langsam mal ins Bett.