Info: Neuerdings gibt es unsere Blogbeiträge auch zum Hören in unserer Audiothek. Da die Audioaufnahmen etwas mehr Aufwand benötigen, werden sie wahrscheinlich immer etwas später als die Blogbeiträge veröffentlicht werden. Ihr braucht also etwas Geduld.
Nach unseren ca. zwei Tagen am Rand der Gravelroad soll es nun weiter gehen. Es ist Montag und die Werkstätten haben wieder auf. Wir telefonieren einige ab, aber die meisten haben erst in ein bis zwei Wochen Zeit. Viele empfehlen uns weitere Werkstätten und so versuchen wir es dann auch bei der LKW Werkstatt Centre Routier. Jetzt sofort haben sie keine Zeit, aber nach 13:00 Uhr können wir vorbeikommen. Mit Abschleppen würden wir das eh nicht früher schaffen. Wir haben eh keine Wahl, also sagen wir zu und rufen danach direkt den Abschleppdienst an. In 40 Minuten soll er da sein. Wir vermuten, dass die vordere Achse angehoben wird und der Volvo so abgeschleppt wird. Das hatte Chris schon öfter bei LKWs gesehen. Wenn der Motor aus ist, ist automatisch der Allrad drin und entsprechend drehen sich alle Achsen wenn eine sich dreht. Um das zu verhindern, wollen wir eine Kardanwelle abschrauben, 40 Minuten sind dafür genug Zeit. Sobald Chris unterm Auto liegt kommt aber direkt schon ein riesiger LKW Abschlepper. Wir klären kurz die Kardanwellen-Thematik mit dem Fahrer und er schraubt die Kardanwelle für uns ab. Wie wir vermutet haben wird die vordere Achse angehoben, das passt gerade so. Der Volvo ist eigentlich etwas zu klein. Generell wirkt der kleine Volvo schon etwas grotesk hinter dem riesigen Abschlepper.


Nach kurzer Zeit kann es los gehen. Der LKW hat nur zwei Sitze also sitzt Chris auf dem Bett hinten in der Kabine. Die Truckerperspektive ist schon ganz cool, auch wenn es wohl bessere Umstände dafür geben könnte.

Angekommen an der Werkstatt fällt Chris auf, dass beim Abschleppen die Bremsleitungen an der Vorderachse beschädigt worden sind. Kein Problem, meint der Fahrer, das geht auf seine Rechnung, er klärt das auch direkt mit der Werkstatt, dass sollen sie gleich mit machen. Ist uns gerade nicht so wichtig, aber gut dass wir uns damit nicht auch noch rumärgern müssen, hoffentlich. Bis 13:00 Uhr ist hier Mittagspause und kurz danach tauchen wir am Servicetresen auf. Wir können kaum so schnell schauen, da wird schon der Volvo mit einem Gabelstapler in die Halle geschoben.

Wir dürfen nicht mit in der Halle bleiben, deswegen sitzen wir im Warteraum. Hier gibt es bequeme Sessel und WLAN. Noch wissen wir nicht wie viel Zeit wir hier noch verbringen werden.
Nach einer Weile kommt der Meister (?) rein, er zeigt uns ein Video vom offenen Verteilergetriebe. In einem Kugellager haben sich die Kugeln gelöst, kein gutes Zeichen. Das Getriebe muss für genauere Untersuchungen raus. Wir stimmen zu und warten weiter. An dem Zeitpunkt wäre es schlau, hätten wir noch mehr Sachen aus dem Volvo geholt(Bücher oder so), daran haben wir natürlich nicht gedacht. Chris recherchiert schon mal Teile. Es gibt zum Glück die originalen Zeichnungen mit Teilenummern und so ist schnell klar, dass wir das Kugellager in Deutschland auf jeden Fall bekommen.
Gegen 19:00 Uhr ist das Getriebe ausgebaut und unser Zuhause wird hinten auf den Hof in eine “ruhige” Ecke geschoben. Die Werkstatt hat von 7:30 Uhr bis 00:30 Uhr geöffnet, ruhig ist also ein dehnbarer Begriff. Dass wir im Volvo wohnen und entsprechend auch hier bleiben, ist kein Problem. In den Öffnungszeiten können wir auch gerne Toiletten und WLAN nutzen. Am nächsten Morgen soll das Getriebe zerlegt werden und wir verabreden uns für 16:00 Uhr. Der Mechaniker hat morgen Spätschicht ab 13:00 Uhr.
Die Werkstatt liegt im Außenbereich von Rivière du Loup. Anmerkung aus der Redaktion: Der Stadtname “Fluss des Wolfes” klingt schon sehr cool. Entsprechend ist auch ein Supermarkt fußläufig erreichbar. Wir machen noch einen kleinen OKG(Ortskontrollgang) und kaufen noch etwas ein. Es ist mal wieder eine neue Supermarktkette Maxi. Die Auswahl ist für unsere Wünsche sehr gut. Viel Bio, vegane Produkte und es gibt sogar Bier im Geschäft.

Der Tag der Wahrheit
Wir haben soweit ganz gut geschlafen. Nur ist der ganze Hof und der angrenzende Spielplatz die ganze Nacht mit Flutlicht beleuchtet, was wir nicht ganz ausgesperrt bekommen. Schon sehr rücksichtsvoll den Spielplatz auch um 3:00 Uhr nachts voll zu beleuchten, falls jemand Schaukeln will….
Wir gehen vormittags schon mal in die Halle, um den Mechanikern die Zeichnungen und Anleitungen zu geben. Wenn sie Zeit sparen, sparen wir Geld. Sie nehmen die Zeichnungen gerne. Wie in Chris Ausbildung schon einer der Ingenieure immer sagte: “Die Zeichnung ist die Sprache des Ingenieurs” werden diese die Kommunikation in den nächsten Stunden und Tagen sehr erleichtern. Vorher muss der Volvo aber noch umziehen. Dazu rückt wieder der Gabelstapler zum Schieben an. Dieser fährt sich allerdings direkt fest, der Rand des Platzes ist zu weich. Das ist hier aber kein Problem, neben vielen LKWs hat die Werkstatt auch einen großen Radlader auf dem Hof und dieser wird direkt geholt.
Chris wird als Hilfsarbeiter eingesetzt und Bretti übernimmt die Kommunikation. So wird erst der Volvo und dann der Gabelstapler abgeschleppt.
Um 16:00 Uhr geht es wieder in die Werkstatt und wir treffen auf Samuel, der unser Getriebe zerlegt hat. Sieht nicht gut aus. Zwei Kugellager sind kaputt und dadurch haben sich auch zwei Zahnräder zu Metallspänen verarbeitet. Das ist auch der Grund, warum wir nicht mehr fahren konnten. Samuel markiert uns die benötigen Teile auf der Zeichnung. Zu den kaputten Teilen kommen auch noch Dichtungen. Einige Teile sind nicht auf der Zeichnung des Verteilergetriebes abgebildet. So versuchen Chris und Samuel mit einem Mix aus Englisch und Französisch auf der schwedischen Webseite das richtige Teil zu finden. Zwischen durch übersetzt Bretti noch einige Wörter ins Deutsche, Englische oder Französische. Es ist sehr wichtig die genaue Produktnummer der Teile auf den Zeichnungen zu finden. Ohne diese Nummer ist es hoffnungslos, ein Teil online zu finden. Am Ende gelingt es aber, alle Nummern aufzutreiben und wir verabreden uns für den nächsten Tag, um in der Zwischenzeit nach Teilen zu schauen.
Einkaufen in Polen oder so
Seit wir letztes Jahr in Polen waren, werden Chris im Internet die Preise oft in Złoty angezeigt. Seit wir in Kanada sind passiert das zu unserer Belustigung regelmäßig. Etwas merkwürdig aber naja, Standort und Sprache wechseln immerhin nicht auf polnisch, also passt das schon.
Es gibt in Deutschland eine große engagierte Volvo C303 Community, über die wir die meisten Teile organisieren können. Außer die beiden Zahnräder, die müssen wir in Norwegen bestellen. Neben extra Versandkosten sind die Teile dort besonders teuer. Eines der Kugellager bekommen wir in Deutschland für 30€, in Norwegen kostet das gleiche Teil 100€. Die beiden Zahnräder kostenzusammen 700€… Leider weiß auch niemand auf die Schnelle, wo man die sonst herbekommt. Es hilft also alles nichts. Immerhin bekommen wir alle Teile zusammen. Die Teilkosten dürften am Ende im Verhältnis zur Arbeitszeit eh vernachlässigbar sein.
Da wir scheinbar zumindest theoretisch das Getriebe wieder flott bekommen, wollen wir die Werkstatt morgen auch auf unsere Kurbelwellenthematik ansetzen. Der Versand der Teile wird eh einige Tage bis Wochen dauern und in der Zwischenzeit könnte man das ja machen. Mehr dazu aber morgen.

Probleme mit Zeitverschiebung und lokale Feiertage
Die letzte Nacht war etwas lauter, aber es ist alles noch gut aushaltbar gewesen. Wir haben uns für 13:00 Uhr mit der Werkstatt verabredet. Vorher sind wir mal wieder in dem Warteraum und nutzen die Zeit, um unsere Geräte mit Updates zu versorgen. Windows sträubt sich natürlich wie immer am meisten.
Um 13:00 Uhr besprechen wir mit dem Mechaniker Samuel und dem Logistiker Hugo die Teile-Situation. Hugo konnte leider keine Teile in Kanada auftreiben, dafür sind Samuel noch andere Teile aufgefallen, die wir tauschen sollten. Nichts wildes und auch diese können wir in Deutschland auftreiben. Wir klären noch, ob wir ihre Postadresse nutzen dürfen und dann steht der Teilebestellung nichts mehr im Weg. Hier ist uns noch nicht bewusst, dass in Deutschland das lange Himmelfahrtswochenende ansteht, also vor Montag eh keiner was verschicken wird.
Nun geht es darum, noch die Kurbelwellenlager-Thematik zu besprechen und so stehen wir wieder am Servicetresen der Werkstatt. Hier ist immer sehr viel los und man steht absolut im Weg. Bretti erklärt die Situation und dass wir gerne vor’m Bestellen der Teile wüssten, ob dort noch was fehlt. Sie bemühen sich, das unterzubekommen, was eigentlich bedeutet, unser Auto steht schon fast in der Halle. Der Gabelstapler wird organisiert und diesmal sitzt Samuel am Steuer des Volvos und lenkt ihn zu seinem Arbeitsplatz. Während er den Motor zerlegt, sitzen wir wieder im Warteraum und versuchen weiter Windows zu überzeugen, die ach so wichtigen Sicherheitsupdates zu installieren.

Materialkunde in Quebec
Nach ca. einer Stunde besprechen wir die Situation. Es sind immer noch Metallspäne im Öl, aber laut Samuel kann das eigentlich nicht von den Kurbelwellenlagern kommen. Er hält einen Magnet an ein ausgebautes Lager, das ist magnetisch, die Späne aber nicht. Wir sind verunsichert, die andere Werkstatt in Moncton war sich da schon ziemlich sicher. So ganz genau kann er aber auch nicht sagen, wo die Späne herkommen. Dafür gibt es auch erstmal gute Nachrichten, die Kupplung sieht quasi aus wie neu und die Kurbelwelle muss nicht ausgebaut werden. 100-prozentig sicher kann man sich da erst sein, wenn alle alten Lager raus sind, aber das sieht ganz gut aus. Er schaut sich auch noch die Ölpumpe an, meint er. Diese haben wir schon neu aus den USA bestellt, von daher kommt die eh raus. Während Samuel seinem Job nachgeht, verziehen wir uns wieder in den Warteraum. Der Warteraum verfügt über extrem bequeme Sessel, was uns sehr freut, da wir hier noch einige Stunden verbringen werden.
Chris macht sich derweil an die Recherche: “Nicht magnetische Späne im Motoröl, was kann das sein” und 99% der Antworten sind die Kurbelwellen bzw. die Pleuellager, also genau das, was wir vermutet haben. Diese Lager sind aus weicherem Material als die Kurbelwelle und die Pleuel, damit sie eher nachgeben als die wichtigen Teile. Verschleißteile eben. Nachdem viel zur Materialzusammensetzung von Autoteilen recherchiert wurde, kommt auch des Rätsels Lösung. Diese Lager sind Bimetalle, bestehen also aus zwei verschiedenen Metallen, außen Stahl und die Lauffläche aus Aluminium oder Messing. Entsprechend sind die Lager magnetisch durch den Stahl, aber der Abrieb nicht, da nur der Aluminium- bzw. Messinganteil abgerieben wird. Wir sind etwas beruhigt und hoffen das Beste.
Als der Volvo wieder an seinen Platz hinter der Halle geschoben wird, sprechen wir noch kurz mit Samuel und kommen zu dem Schluss, dass wir nun alles haben, um Teile zu bestellen.
Wir sind hier 6 Stunden vor Deutschland, also ist es mittlerweile dort schon Mitternacht. Chris schickt aber trotzdem schon mal die Bestellungen los und sein Teiledealer antwortet auch noch, dass er sich Sonntag darum kümmert, da er schon im langen Wochenende ist. Den Feiertag hatten wir natürlich völlig vergessen und die 4 Tage extra sind schon ein Downer, aber hilft ja nichts. In Norwegen hatte Chris auch vorher schon angekündigt, dass die Bestellung etwas eiliger ist. Auch wenn die Zusage für eine schnelle Bearbeitung kam, ist bis Freitagabend keine Versandbestätigung bei uns eingegangen. Das liegt wohl überwiegend daran, dass sie Freitag noch eine Nachfrage gestellt haben, die wir erst beim Frühstücken beantwortet haben, was wohl am Freitag schon nach ihrer Feierabendzeit war. Die 6 Stunden Unterschied machen sich an einem Arbeitstag schon sehr stark bemerkbar. Dann eben alles ab Montag. Hoffentlich klappt es, alle Teile nächste Woche nach Kanada los zu schicken.
Zum Abschluss des Tages gehen wir wieder mal einkaufen. Wir sehen eine 12er Palette Bier für nur 10C$, da müssen wir zuschlagen, sehen aber erst nach der Kasse, dass es alkoholfrei ist. Deswegen wohl auch so günstig, schmecken tut es auf jeden Fall trotzdem.

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