Kleine Triggerwarnung: In diesem Kapitel sind auf ein paar Fotos Schlangen und tote Tiere zu sehen.
Badetag
Heute bleiben wir am See. Wir starten den Tag mit Sektfrühstück, um nochmal richtig auf die Weiterfahrt anzustoßen. Wir frühstücken das erste Mal so richtig draußen mit Blick auf den See. Dabei werden wir immer mal von Spaziergänger*innen gegrüßt, die ihre Hunde Gassi führen.

Nach dem Frühstück gibt’s dann die erste Badesession des Tages. Das Wasser ist zwar immer noch ziemlich kalt, aber auch sehr erfrischend. Über den Tag verteilt werden wir immer wieder mal ins Wasser springen. Da Ruhetage bei uns ja nie ganz ruhig ablaufen, wird nun erstmal die Toilette auseinandergebaut und grundgereinigt. In der Sonne trocknet sie immerhin auch schnell wieder.

Nach einer weiteren kleinen Abkühlung im See backt Chris einen Apfelkuchen oder eher Apfelbrot, denn der Teig wird ganz schön fest. Bretti entspannt derweil am Ufer und beobachtet mit den Füßen im Wasser Enten und Streifenhörnchen. Den ganzen Tag über fliegen die verschiedensten Flugzeuge über uns hinweg, von Sportmaschinen, Privatjets, Hubschraubern und 4er Propellermaschinen ist alles dabei. Das ist schon ganz spannend. Die Beschreibung “wenig genutzter Flughafen” ist aber definitiv nicht so treffend.
Am späteren Nachmittag sehen wir wieder die Kanadagansfamilie. Diesmal sind sie aber nicht allein. Wir sehen zwei weitere Kanadaganspaare mit 20 Jungtieren. Es sieht wie Co-Parenting aus, denn die Verteilung der Jungtiere zu den erwachsenen Tieren ändert sich immer mal. Generell sind hier viele Vögel, Hörnchen und Insekten zu sehen und auch ein paar Schlangen.
Am Abend kommen wir lustigerweise mit dem Mann ins Gespräch, der den Platz in die iOverlander App, über die wir Übernachtungsplätze suchen, eingetragen hat. Er hat selbst mal in Deutschland gelebt, in Baden Baden. Nachdem er von unseren Reiseplänen hört, erzählt er uns von seiner Motorradtour nach Alaska, zeigt uns ein paar Fotos und gibt uns noch zwei Tipps für Stellplätze mit mega Aussicht.
Wir schließen den Abend mit einer weiteren Badesession ab. Leider haben wir uns über den Tag ganz schön viel Sonnenbrand geholt. Wir haben das wohl noch nicht so raus mit der ganzen Sonne und dem guten Wetter. Das kühle Seewasser tut also nochmal richtig gut. Zum Glück haben wir auch noch Aftersun im Kühlschrank.

Dem Auto ist warm, uns ist warm, alles ist warm
Heute verlassen wir den Platz am See wieder. Das Seewasser sieht an diesem Morgen leider ganz schön schmockig aus, so dass wir auf ein Bad verzichten. Dafür sehen wir noch eine ca. 1 Meter lange nordamerikanische Wasserschlange (auch Siegelring-Schwimmnatter) am Ufer, zumindest vermuten wir, dass es eine ist.

Beim Frühstück spricht uns ein Spaziergänger auf deutsch an. Er empfiehlt uns noch den nahen Nationalpark, 20 km östlich von uns. Dafür haben wir aber leider keine Zeit. Es liegt ein langer Fahrtag vor uns bis in die Nähe von Hamilton bei 25°C draußen und 33°C im Auto. Wir fahren erstmal die Landstraße am See entlang bis zu einer kostenlosen Fähre, die uns auf die Halbinsel Prince Edward bringen wird. Während wir auf die Fähre warten spricht uns ein Radfahrer an. Er und seine Freundin haben zuletzt in Europa studiert und viel Zeit in Berlin verbracht.

Auf der Halbinsel angekommen geht es zum Lake on the Mountain Provincialpark. Hier spricht uns ein alter Österreicher an. Er lebe seit 63 Jahren in Kanada. Eigentlich wollten er und seine Frau nur zwei Jahre rüber. Sie sei leider kürzlich verstorben. Seine Tochter lebe in Costa Rica, da wolle er aber nicht hin. Er bleibe in Kanada und mache weiter das beste aus seiner Pensionszeit, die schon vor 35 Jahren begann. Man merkt, dass er kein Kanadier ist, denn das Gespräch geht viel länger als sonst. Vielleicht freut er sich auch einfach, mit uns seine Muttersprache zu sprechen. Nach dem Gespräch halten wir noch unsere Füße in den See und essen etwas Kuchen. Dann geht’s weiter.

Wir reißen ordentlich Kilometer ab und sind bei 20,5 l Sprit auf 100 km bei ca. 1,88 CAD pro Liter. Pünktlich zur Rush-hour kommen wir bei Toronto im Stau an. Immerhin eine “gute” Möglichkeit für Bretti, das Schalten zu üben, insbesondere der 2. Gang ist nämlich immer etwas sperrig. 😀 Die Straßen sind hier 6 bis teilweise 10-spurig mit vielen Auf- und Abfahrten. Hier herrscht auch kein Rechtsfahrgebot, das heißt, es werden vor uns fleißig Spuren gewechselt, eng eingeschert, ohne blinken ausgeschert, also Verkehrschaos pur wie man es gern hat. Abgesehen von Google Maps unhilfreichen Vorschlägen, eine Parallelstraße zu nehmen, die vermeintlich eine Minute schneller wäre, kommen wir aber ganz gut durch. Auch wenn wir ganz schön wegschmelzen, denn auf dem Highway steht die Luft und es ist sehr warm. Insgesamt brauchen wir mehrere Stunden bis wir Toronto schließlich passiert haben, dabei mit Blick auf die Skyline, die aus sehr vielen Wolkenkratzern besteht.

Ganz schön geschafft, machen wir eine kurze Pause und kaufen ein, bevor wir unseren letzten Fahrtabschnitt von 20 Minuten antreten. Während wir wieder so fahren verquatschen wir uns jedoch so sehr, dass wir 5 Minuten vor dem Ziel die Ausfahrt verpassen. Die nächste Ausfahrt kommt erst deutlich später, so dass wir uns damit einen Umweg von weiteren 20 Minuten beschert haben. Bei der nächsten Ausfahrt verquatschen wir uns fast wieder, doch diesmal schaffen wir es rechtzeitig. Wir fahren eine Landstraße entlang und sehen riesige Häuser und Villen, immer schön mit kurzen “Golfrasen” davor. Kurz vor unserem Übernachtungsplatz warnt ein Schild vor Wasser auf der Straße. Die rechte Straßenseite wird von einer riesigen Pfütze geflutet, die einen schon so anlächelt. Bretti schließt schnell die Fenster und dann geht’s volle Fahrt dadurch. Zitat Chris: “Wenn beim Durchfahren einer Pfütze sogar das Dachfenster nass wird, dann war es eine tiefe Pfütze.” Nach der Pfütze beschlägt die Frontscheibe, so warm-feucht ist es dadurch geworden. 😀 Zum Glück sind wir nun eh angekommen.
Diese Nacht verbringen wir auf einem Waldparkplatz an einem Feuchtgebiet. Man kann sich schon denken, dass sich hier die Mücken nur so tummeln. Deshalb geht’s auch schnell in die Wohnkabine, alle Fenster auf und alle Mückennetze zu machen. Wir stehen zum ersten Mal im Wald, deswegen will unser Starlink nur unzuverlässig funktionieren, so dass wir das Blogschreiben auf Morgen verschieben.
Mücken, Frösche und Geier
In der Nacht wird es nicht kälter als 20°C, wir schlafen aber ganz okay. Die nahe Straße ist zum Glück wenig befahren. Beim Zähneputzen entdeckt Bretti einen Frosch, der sich netterweise brav fotografieren lässt und sogar solange wartet, dass sie ihn Chris auch noch zeigen kann. Vermutlich ein Northern Leopard Frog.


Nach dem Zähneputzen quatschen wir lange mit einem älteren Herren über die Gegend. Er sei schon als Kind hierher gekommen und nun wohne er nicht weit weg. Seitdem habe sich aber so einiges verändert. Wir tauschen noch ein paar Wandergeschichten aus, dann gibt er uns noch Tipps für einen netten Spaziergang, welche wir direkt befolgen. Wir laufen jedoch nicht lange, denn es ist sehr schwül und es gibt, Überraschung, sehr viele Mücken, auf dem Hauptweg immerhin nicht ganz so viele wie auf den schmaleren Seitenwegen.

Dann gucken wir uns noch die Pfütze an, durch die wir gestern gefahren sind. Sie ist knöcheltief.

Ein Stück weiter die Straße entlang erspähen wir noch zwei große Vögel. Praktischerweise haben wir das Fernglas dabei, so erkennen wir, dass es zwei Geier sind, die ein plattgefahrenes Eichhörnchen snacken.

Wieder am Auto überprüft Chris unterm Sofa, ob sich irgendwo Feuchtigkeit sammelt. Dabei fällt ihm der Feuchtigkeitssensor am Boiler in die Hand, der prompt auslöst, so nassgeschwitzt sind seine Hände. Dann geht es auf nach Hamilton.
Kultureller Austausch und BBQ
Nach Hamilton sind es nur noch 30 km ca. Bevor es zu Brettis Kumpel geht, stoppen wir noch bei einem Schuster. Von Brettis Wanderschuhen löst sich nämlich seit der 3. Woche in Kanada schon die Sohle. Seit der letzten Wanderung hängt sie nur noch zur Hälfte fest am Schuh, so dass nun wirklich mal was getan werden muss. Dem Schuster hatte Bretti vorher schon geschrieben, dass wir Reisende auf einem Roadtrip sind, deshalb sagt er vor Ort zu, die Schuhe bis zum nächsten Tag schon fertig zu machen. Lustigerweise ist Bretti mit zwei linken Schuhen hingelaufen, denn sie und Chris haben die gleichen Wanderschuhe. Immerhin ist das dem Schuster aufgefallen. Zum Glück hatten wir nicht weit weg geparkt, so dass Bretti schnell den rechten Schuh holen konnte. Danach ging es noch zu einem Piercingstudio, denn Bretti wollte einmal einen professionellen Blick auf ihre Ohrringe haben, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist. Chris gönnt sich in der Zwischenzeit einen Kaffee bei Tim Hortens.
Brettis Kumpel kommt erst um halb 6 von der Arbeit nach Hause. Wir suchen uns aber schon mal einen guten Parkplatz in der Nähe seiner Wohnung, schreiben am Blog und gehen eine Runde durch das Wohngebiet spazieren. Uns fällt auf, dass die Vorgärten hier viel mehr Blumenbeete haben und nicht nur diese “Golfrasen”-Flächen. Wir sind froh, um jeden schattenspendenen Baum auf dem Weg, denn es ist ganz schön warm. Toronto liegt auf der selben Höhe wie Madrid, da ist es eigentlich ja auch kein Wunder, das vergisst man nur ständig.
Dann kommt Brettis Kumpel von der Arbeit und holt uns ab. Bei ihm können wir erstmal duschen, Wäsche waschen und unsere ganzen Pakete inspizieren, die wir hierher geschickt hatten. Bei einem kühlen Getränk machen wir es uns auf der Terrasse gemütlich. Bald wird auch der Grill angeheizt. Die Runde wird noch von seiner französischen Freundin und einem kanadischen Freund ergänzt. Wir verstehen uns gut und quatschen über alles mögliche, viel auch über kulturelle Unterschiede. Lustigerweise können der Kanadier und die Französin auch deutsch. Der Kanadier hat sogar eine Zeit lang mal in Kiel gelebt. Die Welt ist ein Dorf. Die meiste Zeit reden wir aber auf englisch. Während wir da so sitzen und schnacken sehen wir mehrere Waschbären und einen Groundhog (auch Waldmurmeltier) durch den Garten watscheln. Das “dicke Eichhörnchen” im Park in Québec City war dann wohl auch ein Groundhog.
Wir sitzen noch lange auf der Terrasse, allerdings müssen die anderen arbeiten, also geht’s dann gegen 23:30 Uhr auch mal ins Bett. Das Thermometer unterm Auto zeigt immer noch 26°C an. Das wird eine warme Nacht.


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