Pfand abgeben auf kanadisch
Die Nacht war doch etwas unruhiger als die letzte, mehr Verkehr aber naja. Nach einem Frühstück mit Blick auf das Meer mit Sonnenschein ist die Nacht auch schon vergessen. Heute wollen wir neben einkaufen und Strecke machen auch Pfand abgeben. Es haben sich einige Getränkedosen gesammelt und auf denen steht “Refund where applicable”. Als Teammitglieder von Pfandgeben müssen wir das zumindest mal ausprobieren. Im Gegensatz zum deutschen Pfandsystem ist hier auf quasi allem Pfand. Nicht nur Dosen sondern zum Beispiel auch diese Caprisonnentüten. Pfandautomaten im Supermarkt gibt es nicht, dafür muss man zum Wertstoffhof bzw. hier Recyclingcenter. Als wir vor Ort sind, sehen wir schnell , dass Pfand hier wichtiger ist als alle anderen Rohstoffe. Der ganze Komplex ist darum aufgebaut und Papier und so spielen nur eine Nebenrolle. Wir stehen schnell vor einem Terminal, was uns überfordert hat. Auf Nachfrage bei einem Mitarbeiter, könnten wir uns bei seiner Kollegin womöglich einen Account erstellen lassen. Wohlgemerkt nur für das eine Center nicht für alle in ganz Kanada. Wir hatten ca. 20 Dosen dabei, eine hat ca. 10 Kanadische Cent Pfand, das sind insgesamt also ca. 1,20€. Den Aufwand haben wir nicht eingesehen, da die Schlange auch endlos war. Die Kanadier kommen hier mit Autos voller riesiger Säcke. Anders lohnt sich das auch nicht. Recycling ist natürlich immer eine gute Sache, allerdings passt das System hier gerade nicht zu unserer Lebensrealität. Die Zentren gibt es nur in größeren Städten und haben kurze Öffnungszeiten. Bevor wir extra Sprit verfahren, kommen die Dosen in Zukunft wieder in die Recyclingtonnen, das wird hoffentlich auch recycled, wir bekommen dann bloß das Geld nicht wieder. Wir überlassen nun erstmal unseren Schatz der Allgemeinheit und verlassen Corner Brook fürs erste Richtung Osten.
Wir kaufen mal wieder bei Walmart ein, dürfte aber das letzte mal gewesen sein. Wir verstehen dieses Ladenkonzept einfach nicht. In diesem Walmart super store ist die Gemüseabteilung kleiner als bei jedem Aldi zuhause. Der Laden an sich ist einfach die falsche Adresse für Lebensmittel. Auf dem Parkplatz kommen wir wie immer mit Einheimischen ins Gespräch, diesmal ist es aber nicht so viel wie beim letzten Stopp in Corner Brook und sehr angenehm. Danach geht es aber wirklich weiter und wir brechen auf nach Deer Lake. Deer Lake ist bekannt für seinen Sandstrand. Das gibt es hier nicht sehr oft, aber als Ostsee verwöhnte Menschen ist das für uns eher unspektakulär. Deer Lake ist einer unserer Orte, wo wir schon seit langem die Wetterentwicklung beobachten. Unsere App hatte für letzte Woche noch regelmäßig -20°C angezeigt, mittlerweile pendeln die Temperaturen aber moderat um 0°C. Der Name Deer Lake hat seinen Namen von den ersten europäischen Siedlern bekommen, diese konnten (wie wir) die ganzen Tiere und ihre Namen aber nicht wirklich auseinander halten. Deers, also Hirsche gibt es hier gar nicht so viele. Was die Siedler damals vermutlich so viel am See gesehen haben sind Caribous, die nordamerikanischen Rentiere. Diese ziehen hier in größeren Gruppen umher. Bisher haben wir leider keine gesehen.
Während der heutigen Fahrt knacken wir die 2000km auf dieser Tour und sehen eine Trinkwasserquelle direkt am Highway. Es ist hier üblich einfach am Straßenrand des Highways zu parken, wenn man was zu erledigen hat. So steht auch hier ein Pickup an der Seite und jemand füllt seine Kanister auf. Man sieht hier auch viele Leute die ihre Pickups am Highway parken und ihre Schneemobile und Quads abladen, um Holz zu machen oder einfach durch die Gegend zu brettern. Man darf die Highways nicht mit unseren Autobahnen vergleichen. Hier sind die Straßen und Ränder viel breiter und die Geschwindigkeit ist auf 100 km/h begrenzt. Da kann man auch den ein oder anderen Pickup an der Seite abstellen.
Wir schleichen auf unserem Weg zum nächsten Stellplatz mal wieder langsam die Berge hoch und unser Warnblinklicht arbeitet fleißig. Zitat Chris: “Warum fahren die denn immer so dicht auf, ich habe doch sogar Warnblinker an”. Turns out beide Blinker hinten sind kaputt, also sieht niemand unser fleißig eingeschaltetes Warnblinklicht. Ersatzbirnen haben wir mit, auch wenn ein Blinker jetzt weiß leuchtet. Hier haben Blinker alle möglichen Farben, rot, gelb und weiß, es sollte also kein Problem sein. Unser erster Stellplatzversuch ist leider wieder mit Schnee zugeschoben. Wir überlegen kurz, ob der Volvo das packt, entscheiden uns aber, erstmal ein bisschen zu testen wie er sich im tiefen, antauenden Schnee schlägt und fahren weiter. Der nächste Platz ist geräumt und wir packen zum ersten Mal unsere Campingbank aus. Es ist noch nicht so spät also entspannen wir erstmal ein paar Stunden in der Sonne.


Durch das Entspannen in der Sonne, verschob sich das Duschen heute etwas nach hinten, weswegen das Wasser leider nicht mehr ganz so warm war. Für mich (Chris) nicht ganz so schlimm, da ich als erstes geduscht habe. (Brr… sagt Bretti dazu.) Sauberer als vorher hatten wir noch einen entspannten Abend.
Fahrtag
Heute ist wieder ein Fahrtag geplant. Wir fahren den ganzen Weg später wieder zurück und haben uns deswegen entschlossen, erstmal ans Ostende der Insel zu fahren. Dort ist es tendenziell wärmer und dann ist auf dem Rückweg vielleicht schon etwas mehr Schnee geschmolzen. Insgesamt sind das so ca. 650km bis nach St John’s und dem östlichsten Punkt Kanadas. Von hier geht es dann quasi nur noch nach Westen bis an den Pazifik. Wir hoffen, so grob die Hälfte zu schaffen und planen eine längere Pause ein. Wir sind hier nur mit 70km/h unterwegs. Der Volvo würde auch 100km/h schaffen(auf gerader Strecke), aber das wäre uns viel zu laut und verbraucht viel zu viel Benzin. Wir vermuten nämlich, dem Geheimnis unseres erhöhten Spritverbrauchs auf der Spur zu sein. Auf der Probetour durch Polen haben wir zwischen 20 und 25l verbraucht. Autobahn eher 20l, mehr Gelände entsprechend eher 25. Das ist natürlich so schon nicht wenig, aber seit wir in Kanada sind tendiert der Verbrauch eher zu 27l, ohne Gelände, bei ungefähr 80km/h auf den Highways. Des Rätsels Lösung ist, wir sind vorher gar nicht 80km/h gefahren. Auf dem Rückweg der Probetour zeigte der Tacho unter 60km/h nichts mehr an und ich habe ihn zum Überholen eingeschickt. Uns war vorher schon aufgefallen, dass Google Maps so ca. 15km/h weniger angezeigt hat als der Tacho. Jetzt zeigt der Tacho ziemlich genau das an, was auch Google anzeigt und entsprechend fahren wir jetzt schneller, also haben wir auch mehr Verbrauch. Wir sind jetzt 600km nur 70km/h gefahren und sind jetzt bei 22l. Damit kann man leben. Der konkrete Wert ist gar nicht so wichtig, nur dass wir ungefähr wissen, wie weit wir mit dem Tank kommen und dass das nicht willkürlich schwankt. In Nordkanada wird es stellenweise über 400km keine Tankstelle geben, da muss man schon wissen wie weit man kommt.
Die Fahrt lief sonst ereignislos. Wir können uns an der Landschaft immer noch nicht satt sehen und hören zwischendurch Musik und Podcast. Es gab zwei Highlights an diesem Tag:
Wir haben ziemlich direkt nach dem Losfahren ein Caribou gesehen. 🥰Es war ein einzelnes Tier, was scheinbar eher ungewöhnlich ist und das Fell ist im Winter noch ganz hell bis weiß. Das Tier lief eine kurze Weile vor uns auf der Straße rum und verzog sich dann wieder in die endlosen Schneelandschaften. Sehr cool, gerne mehr davon.
Das zweite war ein anderer Camper mit französischen Kennzeichen, der uns überholt hat. Ein anderer Touri und dann gleich aus Europa, Wahnsinn, dachten wir. Den Wagen trafen wir zufällig während unserer Pause wieder und kamen mit dem Herren ins Gespräch. Er kommt gar nicht aus Frankreich sondern von St Pierre und Miquelon. Das sind zwei winzige Inseln hier vor der Küste. Diese gehören zu Frankreich, daher auch die Kennzeichen. Zugegeben vielleicht war auch nur das Caribou das Highlight. Am Ende des langen Fahrtages hatten wir noch einen richtig schönen Stellplatz, der nur etwas zugeschoben war. Diesen Platz haben wir uns auch direkt für den Rückweg gespeichert.

St John’s
Das Wetter ist heute super und das würden wir gerne nutzen um eine Runde in St Johns rumzulaufen und auch mal wieder einen Pub zu besuchen. Die ganze Ecke verweist hier gerne auf ihre irischen Wurzeln und in der Hauptstadt von Neufundland und Labrador gibt es entsprechend viele Pubs. Vorher müssen aber noch weitere 300km abgerissen werden, also geht es zeitig los. Das einzige Highlight der Fahrt ist, dass wir es mit unter 2l Rest im Tank zur Tankstelle schaffen. Wie erwähnt haben wir unseren Spritverbrauch jetzt wieder besser im Griff, das war aber wohl etwas sehr knapp. Wir haben natürlich immer noch Reserve im Kanister dabei. Die Spritanzeige hat eher einen wankelmütigen Charakter, bergab und bergauf macht schonmal 1/8 des Tanks aus. Unsere Regel ist eigentlich nach 200km tanken, 350-400km schaffen wir mit einem Tank, aber heute wollten wir es mal spannend machen.
In St John’s stehen wir mitten in der Stadt an einem Park, es ist also schon klar, dass die Nacht eher wenig ruhig wird. Dafür ist es nicht weit in die Innenstadt. So richtig wissen wir nicht warum die Stadt so ein Highlight sein soll, aber wir sind auch keine Leute, die sich viele Städte anschauen. Nach etwas umher schlendern zieht es uns ins Kneipenviertel. Wir hatten mal die Idee eine Kneipentour zu machen, aber davon sind wir schon längst wieder abgekommen. Nicht destotrotz ist der Plan, mindestens in zwei Pubs zu gehen, wenn es ganz wild wird vielleicht sogar drei. Der erste ist der Shamrock City Pub. Es lockt uns der Elchburger, den am Ende aber keiner von uns bestellt. Wir teilen uns eine Fingerfoodplatte mit allem möglichen Kram. Unter anderem gibt es eingelegte Gurken im Teigmantel frittiert. Das Bier ist leider etwas enttäuschend. Ob das lokale aus der Kleinstbrauerei oder das kanadische Standard Bier, alle schmecken quasi nur nach Wasser. Dafür ist die Stimmung gut, es wird zu Live-Musik getanzt, mitgesungen und geklatscht. Es sind viele ältere Menschen da, was für uns eher ungewöhnlich ist. Aber gerade die Älteren sorgen für richtig viel Stimmung.
Es soll noch weitergehen also brechen wir nach jeweils zwei langweiligen Bieren wieder auf. Als nächstes geht es in Christian’s Pub, das musste einfach sein. Der Kontrast ist extrem. Der Laden ist quasi leer und es läuft leise Musik. Diesmal gibt es Guinness, keine spannende Option, aber dafür ein Bier, das nach was schmeckt. Da uns hier aber keine externe Stimmung bei Laune hält, werden wir recht schnell müde, das Licht ist auch eher dämmerig. Wir wollen uns entsprechend um 20:30 Uhr auf den Weg zurück machen, da füllt sich der Laden plötzlich mit mindestens 30 Leuten. Diese hatten sich vorher fürs “screeching” angemeldet. Das ist, ich zitiere: “To get screeched in, one must listen to the barkeep’s pomp, drink a shot of screech, and then kiss a cod on the mouth”. Das ist hier das Ding um Touris 18$ aus der Tasche zu ziehen, um ein “echter Neufundländer” zu werden. Das klingt absolut verlockend, entsprechend mal schauen ob wir uns an einem anderen Tag dazu auch noch hinreißen lassen. (Anmerkung Bretti: Vermutlich nicht.) Zurück im Volvo lassen wir den Abend zu irischer Musik ausklingen.

Östlichster Punkt der Reise
Der eigentliche Grund, warum wir bis nach St John’s gefahren sind, ist nicht die Stadt, was wohl auch eine Enttäuschung gewesen wäre, sondern das direkt daneben der östlichste Punkt Kanadas liegt. Wir fanden es ganz passend, vom östlichsten Punkt bis an den Pazifik zu fahren. Heute ist Nebel und Dauerregen angesagt, entsprechend entschließen wir uns spontan Wäsche zu waschen. Und zu unserer Überraschung war das keine Enttäuschung wie sonst. Man mag es kaum glauben, aber man bekommt für sein Geld saubere und getrocknete Wäsche. Das ganze dauert gerade mal eine Stunde und freies WLAN gibt es auch noch. Natürlich war die Frau vor Ort auch noch super nett und wir konnten direkt davor parken, so blieb die getrocknete Wäsche auch bis zum Auto trocken. Falls es mal jemand benötigt, dass ist die Avalon Laundry, 10 von 10. Es können allerdings nicht alle Wäschestücke in den Trockner, deswegen hängt jetzt wieder Wäsche im Auto und es riecht sehr gut.
Wir halten noch an einer Quelle direkt am Highway. Das fühlt sich erst merkwürdig an, aber es gesellen sich noch drei weitere Fahrzeuge zu uns. Einer der Herren erzählt uns, er trinke nur dieses Wasser seit über 8 Jahren. Es ist irgendwie traurig, wie sehr sich jemand hier über sauberes und vor allem gut schmeckendes Trinkwasser freut, wenn die Gesellschaft alle Möglichkeiten dafür hätte. In einer Gesellschaft, die sich für Kreuzungen mit Stoppschildern an allen Straßen entscheidet, wo der, der zu erst ankommt, zuerst fahren darf, irgendwie auch nicht so überraschend.
Nun fährt die mobile Verkehrsberuhigungseinheit weiter im ersten Gang zum östlichsten Punkt Kanadas. Hier wird auch fleißig das wieder funktionierende Warnblinklicht genutzt, was dazu führt, das nun die Kontrollleuchte des Warnblinklichts das zeitliche segnet. Da dies leider andere Birnen sind, als für die Blinkerkontrollleuchte habe ich dafür keinen Ersatz mitgenommen. Vorerst muss die Beleuchtung des Scheibenwischerschalters als Ersatz herhalten. Angekommen am Parkplatz machen wir uns im Nieselregen auf für einen kleinen Spaziergang. Es gibt wieder ein paar Geocaches einzusammeln und die Landschaft ist wieder mal traumhaft schön. Am Cape Spear gab es eine Festungsanlage im zweiten Weltkrieg. Uns war gar nicht bewusst, dass auch die Nordamerikaner sich gegen die Deutschen verteidigen mussten und dafür Bunker und ähnliches errichtet haben. Ist absolut logisch, man wundert sich bloß immer wieder wie wenig man doch weiß, obwohl das Thema in der Schule mehrfach behandelt worden ist. Die Verteidigungsanalgen wurden zum Glück nie benötigt. Weswegen diese nach dem Krieg schnell aufgegeben worden sind. Wie auch heute war es hier damals überwiegend nass, kalt, windig und absolut langweilig für die Besatzung. Wir müssen zum Glück nicht in zugigen Holzbarracken ausharren, die beim Erstbezug noch gar nicht existiert haben, sondern machen es uns im warmen Volvo gemütlich und essen Bagels mit Spiegelei. Wie meistens wenn wir irgendwo parken, sehen wir Menschen, die unauffällig Bilder vom Auto machen. Der Grad an Unauffälligkeit steigt, zu unserer Unterhaltung, stark an sobald sie uns bemerken.



Morgen soll das Wetter wieder sonnig werden, also haben wir uns eine Wanderung rausgesucht, den La Manche Village Path. Dafür fahren wir noch zum Wanderparkplatz. Google will uns diese “Straße” hier lang führen, die ist aber leider gesperrt. Schade, das wäre eigentlich das richtige für den Volvo. Wir nehmen stattdessen die “langweiligere” Straße um den Park herum und kommen über einen Weg voller Schlaglöcher am ruhigen Wanderparkplatz an.


